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Rezension :Geschwisterliebe, Geschwisterhaß: Die prägendste Beziehung unserer Kindheit von Marcel Rufo

Was bedeutet eigentlich Geschwisterschaft?
Der Autor Marcel Rufo, ist Professor für Kinderpsychologie in Marseille.
Er befasst sich im vorliegenden Buch detailliert mit den Phänomen Geschwisterliebe und Geschwisterhass, nicht zuletzt indem er die Ursachen dafür auslotet.
Weshalb wird das zweitgeborene Kind vom Erstgeborenen in der Regel als Eindringling empfunden? Wie können Eltern die Angst nun weniger geliebt zu werden beim älteren Geschwisterkind abfedern und die Rivalität unter Geschwistern in vernünftige Bahnen lenken? Das sind die Fragen , die Rufo zunächst beantwortet.
Der Psychologe verdeutlicht, dass der ideale Altersunterschied bei Geschwistern sechs bis sieben Jahre ist, weil die ödipale Phase dem Erstgeborenen ermöglicht sich sicherer mit der Elternrolle zu identifizieren. Etwaige Aggressionen schlagen nun in Zärtlichkeit um. Außerdem hatte das ältere Kind genügend Zeit die Rolle als Einzelkind zu genießen und selbstständig zu werden. Da es sich in der Regel bereits einen Freundeskreis aufgebaut hat, kämpft es nicht mehr erbittert um die Liebe der Eltern. Je größer der altersmäßige Abstand unter Geschwistern ist, desto günstiger ist dies für die Geschwisterliebe.
Rufo legt dar, was Eltern unternehmen sollen, um die Eifersucht unter Geschwistern zu minimieren und dem Erstgeborenen zu verdeutlichen, dass das Folgekind kein Störenfried ist.
Es geht darum die Aggressivität des älteren Kindes nicht noch anzustacheln , sondern sinnvolle Maßnahmen zu ergreifen, damit die Anfeindungen sich nach einigen Monaten verflüchtigen. Bei mehreren Kindern ist das mittlere im allgemeinen hin- und hergerissen . Einerseits fühlt es sich dem Letztgeborenen nahe, mit dem es sich durch regressives Verhalten zu identifizieren versucht, zeitgleich wünscht es ein enges Verhältnis zum Erstgeborenen, dem es gleichkommen möchte. Zwischen den beide größeren Geschwistern kann es zur Rivalität kommen , wer das dritte Kind in Obhut nehmen darf.
Aufgabe der Eltern ist es das positive Miteinander unter den Geschwistern zu fördern, indem man sensibel deren Animositäten versucht aus dem Weg zu räumen. Eltern müssen begreifen, dass jedes Kind eine eigene Persönlichkeit hat. Sie müssen bei gemeinsamen Spielen erkennen , dass aufgrund des Alters die Wettkampfbedingungen fair bleiben, damit die jüngeren oder schwächeren Kinder nicht verunsichert werden. Selbstvertrauen muss erlernt werden. Ein Kind muss sich annehmen, um andere lieben zu können. Dazu bedarf es in erster Linie der Liebe seiner Eltern.
Rufo diskutiert auch die Beziehung zwischen Bruder und Schwester und hierbei die Konkurrenz der Geschlechter aber auch den Risikofaktor der Nähe. Diese ist während der Pubertät nicht wünschenswert. Der Kinderpsychologe weist darauf hin, dass inzestuöse Beziehungen häufiger vorkommen als man landläufig meint und in der Folge zu großen seelischen Verwerfungen führen können.
Ein weiteres Thema sind so genannte Lieblingskinder der Eltern. Rufo benennt die Gründe für diese Phänomene. Nicht selten spielt die Selbstverliebtheit von Elternteilen eine entscheidende Rolle, die sich in einem Kind wieder zu erkennen glauben, deshalb ein solches Kind bevorzugen, insofern unfair mit ihren Kindern umgehen und weniger geliebte Kinder in Verzweiflung stürzen. Die frühkindlichen Enttäuschungen führen oft zu großen Problemen im späteren Leben eines weniger geliebten Kindes.
Ungeliebte Kinder sind von der Rivalität der Geschwister und von der elterliche Abneigung betroffen. So halten Geschwister nur selten zusammen, wenn eines von ihnen der Sündenbock von Vater und Mutter ist,( weil es beispielsweise keinem der Eltern ähnelt).
Das geschlagene Kind wird manchmal zusätzlich von seinen Schwestern und Brüdern gequält, zumeist jedoch ist es ihnen gleichgültig. Die Geschwister, so Rufo, übernehmen die Ansicht der Eltern- aus einer Art Konformismus heraus, oder weil sie nicht genauso behandelt werden wollen. Das ungerecht behandelte Kind weiß zumeist , dass es nicht auf die Hilfe der Geschwister zählen kann. Solche Situationen führen nicht selten dazu, dass der Geschwisterkreis zerbricht.
Eltern machen sich schuldig, wenn sie ein Kind zum Sündenbock machen und sie machen sich auch schuldig , wenn sie nach ihrem Tod den Zerfall des Geschwisterkreises programmieren, weil sie den größten Teil ihres Erbes ihrem Liebling vermachen oder aber einem Enkel, der Kind des Lieblings ist. Andere Kinder und ihre Nachkommen , die finanziell teilweise und emotional vollständig um ihr Erbe gebracht werden, befinden sich in der Lage eines verlassenen Kindes( vgl. S. 135).
Rufo reflektiert in seinem Buch außerdem die Probleme von Zwillingen, Scheidungskindern, Adoptiv- und kranken Geschwistern, um schließlich zu Ende des Buches darüber nachzudenken, was Geschwisterschaft eigentlich bedeutet.  
Ich empfehle allen Eltern diese erhellende Lektüre, aber auch Lesern , die emotional ungeklärte Verhältnisse zu ihren Geschwistern haben.




 

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