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Rezension: Mein Poesialbum

Heute früh habe ich durch Zufall in der hintersten Ecke meiner Bibliothek mein altes Poesiealbum entdeckt. Es stammt aus den frühen 1960er Jahren. Damals war ich Grundschülerin. In dem Büchlein haben Familienmitglieder, Lehrer und Schulfreunde Sinnsprüche eingetragen "zum ewigen Andenken" oder "zur steten Erinnerung". Alle kleinen Mädchen besaßen solche Alben und hüteten sie wie einen Goldschatz, allein der hübschen Pressbilder wegen. Die Sinnsprüche der Erwachsenen verstand man als 8 jähriges Kind nur im Ansatz. Die Texte der Freundinnen finde ich heute - nach vielen Jahrzehnten - sehr aufschlussreich, aber auch amüsant.

Das Design der Buchdeckel ist typisch für die Nierentisch-Zeit und mutet geradezu modern an. Es will nicht so recht zu dem Inhalt des Buches passen, hauptsächlich nicht zu den Klebebildchen, die jeweils auf dem linken Blatt einer Doppelseite zu bewundern sind. Die Motive zeigen hübsche Putten mit Silberstaub bestreut, kleine Elfen, die auf Blütenblättern wohnen und mit Schmetterlingen sowie Marienkäfern kommunizieren oder mit Zwergen um eine Schlüsselblume tanzen. Eine Vielzahl von Blumennmotiven, einzelne Rosen, dicke Blumensträuße, aber auch Blumenkränze und Herzen aus Gänseblümchen wurden eingeklebt.

Jedes Mädchen besaß im zarten Alter eine leere Pralinenschachtel gefüllt mit solchen Bildchen, um die Posiealbenseiten ihrer Cousinen und Freundinnen damit hübsch zu gestalten und sich mit der besten Freundin über die Motive gedanklich auszutauschen. "Wieso können Elfen mit Marienkäfern sprechen und weshalb können wir es nicht?" Über dieser Frage brüteten Ursula und ich einen Nachmittag lang, ohne eine Erklärung zu finden.

Eine meiner Tanten überedete ich, mit einer Rasierklinge aus ihrem uralten Posiealbum zwei nostalgische Bildchen herauszutrennen und sie mir zu schenken. Es handelte sich dabei um einen kleinen Engel, der auf einer Wolke steht und einen Blumenstrauß fröhlich in der Hand schwingt, sowie das Bild eines kleinen Kindes mit einem Heiligenschein, ebenfalls auf einer Wolke stehend. Auf diese beiden Bildchen war ich sehr stolz, weil sie aus einer anderen Zeit stammten. Ich klebte sie dort ein, wo meine Großmütter sich textlich verewigt hatten. Dies war nach meinen kindlichen Gefühl der geeignete Platz für diese Besonderheiten.

Die Sinnsprüche der Erwachsenen nehmen zumeist Bezug auf Gott, ermahnen ein gottgefälliges Leben zu führen, bescheiden, freundlich und höflich zu sein. Sie raten Trauer nie Dritten zu zeigen und stets nur im Stillen zu weinen, die Alten zu ehren, sich der Vergänglichkeit bewusst zu werden und sich klar zu machen, dass es Glück stets nur für Momente gibt. Die Welt, die hier aus den Sätzen hervorlugt, ist düster und unerquicklich. Verständlich, denn es waren noch keine 20 Jahre vergangen seit 50 Millionen Kriegstote dokumentierten, wie unbeständig das Glück im Leben tatsächlich ist.

Ganz anders die Sinnsprüche meiner Cousinen und Freundinnen, die stets mit den Worten "In Liebe" beginnen. Meine beste Freundin in jenen Tagen- sie liegt seit sieben Jahren bereits unter der Erde -, schreibt " Zwei Wort nur an Dich,/ Sei glücklich, denk an mich!" Als sie diesen kleinen Vers zu Papier brachte, war sie noch keine 8 Jahre alt. Allein dieser Worte wegen, hat es sich gelohnt, das Büchlein aufzubewahren. Auch all die anderen kleinen Freundinnen und Cousinen bemühen sich lieb zu sein und Nettes zu sagen. Sich herzlich zugetan zu zeigen und es auch wirklich zu sein, war das Grundbestreben der Mädchen, die fernab von der Erwachsenenwelt noch wirkliche Kinder sein durften.

Meine Klassenlehrerin schreibt:                                           
Sieh nicht, was andere tun
der andern sind so viel
du kommst nur in ein Spiel
das nimmermehr wird ruhn

Geh einfach Gottes Pfad,
lass nichts sonst Führer sein,
so gehst du recht und grad
und gingst du ganz allein.

Dieses Gedicht, das sie möglicherweise selbst verfasst hat, gefällt mir inhaltlich noch so gut, wie am ersten Tag. Gerade in den letzten Monaten hatte ich Gelegenheit Menschen zu beobachten, die aufgrund pausenlosen Vergleichens neid-und hasserfüllt ihre innere Mitte verloren haben und Sklave ihrer Verhaltensstörungen geworden sind. Vielleicht hätte Ihnen ein frühzeitiger Hinweis, dass es wenig Sinn macht, ständig auf andere zu schielen, mehr innere Ruhe geschenkt. Wer weiß. Ich wünsche diesen Menschen von Herzen mehr Ausgeglichenheit. Als kleines Mädchen hätte ich vermutlich sofort ein "In Liebe" dazu gesetzt und heute tue ich es nach kurzem Nachdenken ebenfalls.