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Rezension: Philosophie des Abendlandes von Bertrand Russell

Alles Leben ist Problemlösen. Die Philosophie eignet sich hervorragend als Helferin.,
Der Autor der vorliegenden Philosophiegeschichte ist der britische Mathematiker, Philosoph und Schriftsteller Bertrand Arthur William Russell( 1872-1970). Zwischen 1910-16 war er Dozent in Cambridge. Er kam während des ersten Weltkrieges wegen der Aufforderung der Kriegsdienstverweigerung ins Gefängnis, lebte dann ohne Amt und nahm als Schriftsteller zu den wissenschaftlichen und sozialen Fragen der Zeit Stellung. 1927-32 betrieben seine zweite Frau und er eine antiautoritäre Schule ( Beacon-Hill-Schule) .1950 erhielt er den Nobelpreis für Literatur für sein Buch "Ehe und Moral". Russell trat engagiert für Pazifismus, Frauenstimmrecht, freie sexuelle Moral und gegen jegliche Unterdrückung ein.


In seiner Philosophie des Abendlandes befasst er sich im ersten Buch zunächst mit der Philosophie der Antike. Er unterteilt in Vorsokratiker, Sokrates, Plato und Aristoteles und die antike Philosophie nach Aristoteles. Nach Auffassung von Sokrates und Plato ist Philosophie das Streben nach Weisheit bzw. nach Erkenntnis. Inhalt bildet die systematische Beschäftigung mit den Grundfragen: Was ist der Grund und Ursprung der Dinge( so fragten die Vorsokratiker) - Was bin ich (so fragte Sokrates). Generell richtet sich Philosophie auf das Ganze der Wirklichkeit und seine Grundbestimmungen.


Platons Unterscheidung von Logik, Ethik und Ästhetik wirkte lange nach. Die Systematik des Aristoteles umfasste theoretische Philosophie, d.h. Metaphysik, Mathematik, Physik; praktische Philosophie, d.h. Ethik, Ökonomik, Politik sowie Schaffenswissenschaften, d. h. Poetik und Rhetorik. Über all dies schreibt Russell ausführlich. Anschließend widmet er sich im zweiten Buch der katholischen Philosophie, untergliedert in Kirchenväter und die Scholastiker. In der Scholastik teilt sich die Philosophie in Metaphysik, d.h. Ontologie und Theologie ; in Physik, d.h. in Kosmologie und Psychologie und in Ethik auf. Beeindruckend ist das Denken des Thomas von Aquin, der ein umfassend-theologisch-philosophisches Lehrgebäude errichtete, indem er die christliche Dogmatik mit der Philosophie des Aristoteles in Einklang zu bringen versucht.


Das dritte Buch befasst sich mit der Philosophie der Neuzeit, unterteilt in einen ersten Teil - Von der Renaissance bis Hume - und schließlich einem zweiten Part - Von Rousseau bis zur Gegenwart-.
Man liest u.a. über das Denken Machiavellis, der von einem amoralischen Standpunkt aus das Ideal der politischen Tüchtigkeit preist, indem er die rücksichtslose Durchsetzung der eigenen Individualität zum Zwecke der Erwerbung und Erhaltung der politischen Macht fordert und die Überzeugung vertritt , dass in der Politik der Erfolg den Gebrauch aller Mittel rechtfertige. Man liest auch über den von mir geschätzten Thomas Morus , der im Geiste des Humanismus die Lehre vom Naturrecht des Menschen zu begründen sucht, sich zu sozialistischen Idealen bekennt und Toleranz und Fragen der Religion fordert. Spinoza ist ein Thema, der den cartesianischen Dualismus in einen pantheistischen Monismus auflöst, indem er streng systematisch und logisch eine Identitätslehre entwickelt, der zu Folge Natur und Geist ihrem Wesen nach identisch sind und nur zwei Seiten derselben unendlichen Substanz. Auch John Lockes Philosophie (siehe ausführliche Rezension Helga König) wird gut nachvollziehbar erläutert.


David Hume weist vom Standpunkt des kritischen Empirismus und Positivismus die Unhaltbarkeit des Seelenbegriffs nach- für ihn ist Seele keine Substanz, sondern die Gesamtheit der Erlebnisse-. Zudem übt er am Kausalitätsbegriff Kritik. Er weist darauf hin, dass immer nur eine regelmäßige Aufeinanderfolge von Ereignissen, niemals jedoch die notwendige Verknüpfung von Ursache und Wirkung wahrnehmbar sind. usseau übt Kritik an der Überschätzung der Macht der Vernunft durch die Aufklärer und fordert die Gefühlskultur nicht zu vernachlässigen. Dem Kulturfortschritt steht Rousseau skeptisch gegenüber. Er preist den Naturmenschen im Gegensatz zum Kulturmenschen und ruft warnend : "Zurück zur Natur!" Das Fundament des Staates erblickt Rousseau im widerruflichen " Gesellschaftvertrag " zwischen Volk und Herrscher.

Natürlich ist auch der von mir geliebte Immanuel Kant thematisiert, dessen Philosophie den Abschluss und die Überwindung des Aufklärungszeitalters bedeutet und zugleich Ausgangspunkt für viele neuere philosophische Richtungen ist. In seiner Ethik stellt Kant den nur hypothetisch gültigen Forderungen den " kategorischen Imperativ " gegenüber: " Handle so , dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." (Wenn alle Menschen danach handeln, haben wir das Paradies auf Erden!)


Hegel, Nietzsche, die Utilitarier, auch Karl Marx werden in ihrem Denken dargestellt, aber auch John Dewy , der als der Hauptrepräsentant des Instrumentalismus gilt. Dewy übt an der metaphysischen Denkweise Kritik und unterstreicht den heuristischen Wert der naturwissenschaftlichen Erkenntnismethode. Er weist darauf hin, das jede Idee der Notwendigkeit entspringt, Probleme des praktischen Lebens zu meistern, also eine Funktion der Erfahrung ist, wobei ihr Wert von ihrem Nutzen abhängt. Diese Denkweise erinnert mich an den von mir besonders geschätzten Karl R. Popper, für den alles Leben ja auch Problemlösen ist. Die Philosophie war und ist, das zeigt Russells Werk deutlich, immer eine guter Helferin, wenn es um Problemlösungen geht.

Es ist also lohnenswert sich mit ihr zu befassen. Das vorliegende Buch verschafft einen guten Überblick.
Sehr zu empfehlen!

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