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Rezension: Ostpreußen: Geschichte und Mythos

Hier lebten einst Ännchen und Immanuel

Andreas Kossert befasst sich detailliert mit der Geschichte Ostpreußens und hütet sich erfreulicherweise davor landsmannschaftliche Töne anzuschlagen, stattdessen hinterfragt er diese kritisch. Der Autor zeigt , warum es über Jahrhunderte möglich war, dass unterschiedliche Völker und Glaubensangehörige in diesem Gebiet friedlich miteinander leben konnten und dass erst durch das Aufkommen nationalstaatlicher Ideologien der friedvollen Interaktion ein jähes Ende bereitet wurde. Kossert schreibt von den Massakern der okkupationslüsternen Deutschherrenritter und ihrer Niederlage in der Schlacht von Tannenberg im Juli 1410.


In der Folge zeigt er, wie der Deutsche Orden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für ideologische Zwecke instrumentalisiert wurde. Hindenburg spielt hier, lange vor Hitler, eine nicht unwesentliche Rolle. Aber zwischen diesen Ereignissen liegen beinahe 500 Jahre. Ostpreußen blieb weitgehend verschont vom 30 jährigen Krieg, nicht zuletzt deshalb, weil zu dieser Zeit - sieht man mal vom Ermland ab - das Land bereits protestantisch war. Ein Jahrhundert später dann haben Tataren und die Pest die Bevölkerung dezimiert.

So mußten erneut Fremde angelockt werden, die sich in Ostpreußen niederließen. 1772 wurde die Leibeigenschaft abgeschafft. Die Ideenwelt der Gelehrten Königsbergs, allem voran Kants Toleranz- und Vernunftsverständnis, schlug sich auf das Denken der Ostpreußen nieder. Lange galten die dortigen Bürger als liberal und so waren es u.a. Ostpreußen, die später die Vormärz-Bewegung vorantrieben. Davor allerdings schlug sich Napoleon in den dortigen Sümpfen mit russischen und preußischen Soldaten.

An Orte, wie Preußisch Eylau, Friedland und Tauroggen wird erinnert. Unter Bismarck dann erfolgte der Germanisierungsprozess, wodurch der innere Friede zu Grabe getragen wurde. Die Folgen waren verheerend, wie der 1. und 2. Weltkrieg verdeutlichen. Kossert vergisst nicht von der Judenverfolgung in Ostpreußen zu sprechen und berichtet auch von den fürchterlichen Geschehnissen im Januar 1945 an der Samlandküste, wo die SS- Schergen Tausende von Juden kaltblütig ermordeten. Dass die Zivilbevölkerung Ostpreußens den Preis für das Unrecht der Nazis an den Juden, Polen und Russen zahlen und das Land verlassen mussten, war für viele zunächst unverständlich.

Es dauerte sehr lange bis es zu ersten Versöhnungsversuchen kam, nicht zuletzt aufgrund des sturen Beharrens rückwärtsgewandter landsmannschaftlicher Organisationen. Andrea Kossert hat ein wirklich empfehlenswertes Buch geschrieben und rezitiert, was dem Sachbuch keineswegs schadet, immer wieder in Ostpreußen entstandene Gedichte und Lieder, um etwas vom einstigen Denken und Fühlen der Menschen dort zu vermitteln. So etwa das wunderschöne Liebesgedicht, welches Simon Dach über " Ännchen von Tharau" verfasst hat, das wohl immer mit dem Ideal der jungen Ostpreußin in Verbindung gebracht werden wird. Ganz wunderbar!





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