Rezension: Van Goghs Vermächtnis: Seine letzten 70 Tage

"Man lernt sich in der Arbeit kennen, und das ist die beste Art" ( Zitat V. van Gogh),,

Der niederländische Maler Vincent van Gogh (1853-1899) setzte seinem Leben in Auvers-sur Oise /Dép.Val d`Oise ( Frankreich) ein Ende. Der Sohn eines Pfarrers war anfänglich Kunsthandlungsgehilfe, dann Laienprediger bei den Grubenarbeitern im belgischen Kohlenrevier Borinage. Als Maler begann er einst in schweren, dunklen Farben das Leben der Bauern und Arbeiter zu schildern. 1886 ging er mit seinem Bruder Theo nach Paris. Dort schloss er sich der lichten Malerei der Impressionisten an.

Vom japanischen Holzschnitt übernahm er Flächigkeit und Umrisslinien. 1888 ging er nach Arles. Hier entstanden so bedeutende Werke wie " Café terrasse bei Nacht". Auch entwickelte er dort seine Technik der Rohrfelderzeichnung. Mit Paul Gaugin gemeinsam wollte er eine Künstlerkolonie gründen. Das Zusammenleben der beiden endete mit van Goghs Zusammenbruch im Dezember 1888.


Nach der Verstümmelung seines Ohres, klinischer Behandlung und wiederholten Anfällen - lange als ein Zeichen geistiger Verwirrung gewertet, doch nach neuesten Erkenntnissen Folge einer Erkrankung des Innenohres -, ging der Maler 1889 in die Heilanstalt von Saint - Rèmy - de Provence. Dort entstanden Gemälde von ekstatischer Ausdruckskraft. 1890 in Auvers - sur Oise lebend, bediente sich van Gogh einer ornamentalen, den Jugendstil ankündigenden Gestaltungsweise. Jetzt werden die Formen aufgebrochen, ihre Rudimente zugunsten der Bildwirkung verselbstständigt.



"Van Goghs Vermächtnis" enthält alle Bilder seiner letzten 70 Tage in Auvers-sur-Oise. Wouter van Veen, der Berater des Van Gogh-Institutes in Auvers-sur-Oise, dokumentiert anhand des Briefwechsels van Goghs mit seinem Bruder, seinen Freunden und Verwandten, was sich Tag für Tag im Leben und Denken des Künstlers zu diesem Zeitpunkt ereignet hat. Die Briefe und Texte werden alle interpretiert. So entsteht ein ziemlich erhellendes Bild jener Tage.



Van Gogh "verstarb als Märtyrer, den man auf dem Altar der Ignoranz seiner Zeitgenossen geopfert hat", liest man in der Einleitung und man erfährt auch, dass er genial und impulsiv arbeitete, schnell, spontan, ohne lang nachzudenken. Er war ein kultivierter Künstler aus bürgerlichen Haus und "auf keinen Fall verrückt". Gut, dass man diese Tatsache in der Einleitung nochmals speziell unterstreicht.

Die Gemälde sind untergliedert in: Vincent van Gogh in Auvers-sur-Oise 20.Mai- 29.Juli 1890) und Gemälde und Studien- Auvers- sur- Oise( 20.Mai-29.Juli 1890).

Alle Werke sind bestens dargestellt und auch gut beschrieben. Immer wieder werden Sentenzen von van Gogh beigefügt, die er in jener Zeit in Auvers-sur Oise formulierte. Es entstanden Bilder in satten Grüntönen auf seinen Erkundungen, die ich vor Jahren im Van Gogh Museum in Amsterdam bereits im Original bewundert habe, andere Gemälde wiederum, die ich Gelegenheit hatte letztes Jahr im Paris im Musée d`Orsay näher kennenzulernen. Die optische Realisierung im Buch ist perfekt gelungen.



Sehr gut gefällt mir das "Grüne Weizenfeld bei Auvers". Das Original befindet sich in einer Privatsammlung. Entstanden ist es etwa im Juni 1890. Hier gelingt es dem Künstler trotz der relativ kurzen Distanz zwischen dem Vordergrund und der Horizontlinie aus grün wogendem Getreide mehrere Ebenen zu vermitteln, deren hinterste vereinzelte Baumkronen oder Sträucher am linken Rand markieren. Die grüne Fläche im Vordergrund wird von diversen gelb blühenden Blumen belebt. Diese Blumen stellt der Maler realistisch dar.



Ein weiteres Gemälde aus einer Privatsammlung, das ich bislang nicht kannte, fasziniert mich der Farbgestaltung wegen: "Das Feld unter bewölktem Himmel". Dieses Gemälde strahlt in meinen Augen eine angenehme Ruhe aus. Es soll laut van der Veen den "endlosweiten Kornfeldern" entsprechen, mit denen van Gogh "Einsamkeit und extreme Traurigkeit" vermittelt hat. Das Werk zeichnet sich durch seine lebendigen und hellen Farben und das fast völlige Fehlen von Begrenzungslinien zwischen den einzelnen Elementen der Komposition aus. Ein beeindruckendes Bild in primär grünen, weißen und blauen Farbtönen.

Der Darstellung und Erklärung der Gemälde folgt der dokumentarischer Essay "Die Erbin-Johanna Bonger ( 4. Oktober 1862- 2. September 1925)" . Dieser gründet sich auf drei Quellen, der Korrespondenz zwischen Johanna Bonger und Theo van Gogh, dem Haushaltsbuch des Ehepaares van Gogh und später Johanna Bonger, sowie dem Essay von Irene Meyjes. Dieser beleuchtet Bongers Rolle als Kunsthändlerin. Nicht uninteressant sind auch die vielen Fotos, die den Essay begleiten.

Empfehlenswert.




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