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Rezension: Geo Epoche - Preußen 1701-1871: 23/2006 (Broschiert)

Das Beste was Preußen zu bieten hatte, war die Salonkultur

Geo Epoche Nr. 23, seit September 2006 auf dem Markt, befasst sich detailliert mit Preußen, dem Königreich, das in erster Linie ein Militärstaat war und als solcher unsägliches Leid über die eigene Bevölkerung, aber auch über die vielen Kriegskontrahenten gebracht hat. Bildene Künste , Malerei und Musik konnten sich in diesem Staat zwischen 1701-1871 kaum entwickeln, selbst beim doppelzüngigen Flötisten Friedrich dem Großen stand letztlich das Bajonette im Vordergrund. Seine philosophischen Zwischenspiele, insbesondere sein Briefwechsel mit Voltaire, seine mittelmäßigen,eher peinlichen lyrischen Ergüsse, sollen den Betrachter nicht irritieren.


Der körperlich eher schmächtige , 165 cm große Preußenkönig war ein Meister des Todes , in dessen Kriegen hunderttausende junger Männer elendlich krepierten, damit der kleine Fritz seine Großmannsüchte ausleben konnte. Von seinem Großvater und seinem Vater - dem so genannten Soldatenkönig- berichten die Autoren und man erkennt am Beispiel Friedrichs des Großen zu welchen Ergebnissen brachiale Erziehung führen kann. Der Soldatenkönig, ein echter Perversling, ließ seinen Hofnarren Paul von Gundling zusammen mit einem Bären einschließen, im Winter ins Eiswasser tauchen und schliesslich in einem Weinfass beerdigen. Den besten Freund seines Sohnes -Herrmann von Katte- ließ er vor den Augen des jungen Friedrichs enthaupten, weil dieser ihm bei der Flucht vor seinem monströsen Vater geholfen hatte.


Nach der Hinrichtung Kattes verändert sich Friedrich, man vermutet er sei in die innere Emigration gegangen und reibt sich nach dem Tod des sadisischen Vaters insbesondere an der Habsburgerin Maria Theresia , deren Machtanspruch er nicht akzeptieren will. Die Beziehungen zu Frauen lebte der schwule Schnupftabakfetischist verbiestert auf dem politischen Parkett aus. Zarin Elisabeth und die Marquise de Pompadour, die Beraterin des französischen Königs sind ebensowenig , wie Maria Theresia Freundinnen von ihm . Die Autoren beschreiben dezidiert den " Siebenjährigen Krieg", der fast eine halbe Million Mann getötet und Städte verwüstet hat. Friedrich der Große ,so liest man ,sei ein Mensch gewesen, der alles selbst regeln und damit unter Kontrolle haben wollte.

Der übellaunige, am Ende seines Lebens zahnlose Kauz, der sich garderobenmäßig im "Schmuddellook" gefiel, galt als aufgeklärter Monarch, der die pietistischen Tugenden "Fleiß" , "Gehorsam" und "Wahrheitsliebe" geschickt für seine politischen Zwecke einzusetzen wusste, indem er so sein Volk mental gefügig machte. Positiv ist zu vermerken, dass der olle Fritz die Kartoffel in Preußen einführte und dadurch die durch seine Kriegslüsternheit bitterarme Bevölkerung vor dem Hungertod rettete und zudem die Porzellanmanufaktur KPM förderte. Das tat der ausgebuffte Stratege natürlich nicht ohne Eigeninteresse, denn mit den Einnahmen von KPM konnte er Waffen -die eigentlichen Bräute der Soldaten- finanzieren.

Ein bemerkenswerter Beitrag von Ulrike Moser über die Entwicklung Berlins zur Metropole Preußens mit alten Bildern und Karten , wie auch der Text von Dr. Anja Herold über die " Fürstinnen des Geistes", junge gebildete Jüdinnen, wie etwa Rahel Levin ( der Carola Stern durch ihre bemerkenswerte Biographie ein wunderbares Denkmal gesetzt hat ) und Henriette Hertz, die durch ihre litararischen Salons die intellektuelle Avantgarde prägten, erfreuen den friedliebenden Leser, bevor er sich mit erneuten Kriegen der Preußen auseinandersetzen muss. Der nächste Größenwahnsinnige, der Europa mit Blut überzieht ist Napoleon Bonaparte . Kriege bei Jena und Auerstedt, in Preußisch-Eilau, in Tauroggen aber auch die Leipziger Völkerschlacht werden mit ihren furchtbaren Auswirkungen thematisiert.

Die Reformen Freiherr vom und zum Steins und die von Hardenbergs ( sie werden im Text näher erörtert) sollen Geld in die leeren Kassen des preußischen Staates bringen, wie der mit der schönen Luise verheiratene ,etwas schwächelne König Friedrich Wilhelm III hofft.Entwicklung gab es immer nur dann , wenn ein beachtlicher Vorteil für den jeweiligen Preußenherrscher heraussprang. Preußen besaß kluge Köpfe an den Universitäten , Immanuel Kant lehrte in Königsberg und schenkte der Menschheit die Erkenntnis des kategorischen Imperativs . Hegel entwickelte in Berlin seine Staattheorie. Vergessen werden soll nicht der Text über den Architekten Karl-Friedrich Schinkel , der Baumeister Preußens, dessen Werke den Militärstaat überdauert haben.

Einen sehr guten Beitrag liefert Walter Saller zum 48er Aufstand und der liberalen Bewegung im rigiden Preußen. Von den Berliner Barrikadenkämpfen wird gesprochen , von der fürchterlichen Lage der Industriearbeiter, von der Niederschlagung des Protestes der Schlesischen Weber, deren Einkommen 1830 um 75 % gesunken war und schließlich von der Niederlage der Aufständischen der 48er Revolution. Es folgen Betrachtungen zu Bismarck und den Kriegen , die auf seine Kappe gingen, wie etwa denen an den " Düppeler Schanzen", ein Preußisch-Dänischer Krieg, gefolgt von dem 1866er Preußisch -Österreichen Krieg und schließlich den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, begonnen mit der Emser Depesche und beendet mit dem Sieg von Sedan sowie der Proklamierung des Deutschen Kaiserreichs durch Wilhelm I.

Bismarck - der alte Säbelrassler - wird jetzt Reichskanzler. Mit der Proklamierung des Deutschen Kaiserreich nimmt man Abschied vom alten Preußen. Im Anhang des Magazins darf man sich jedoch weiterhin vieler schöner Impressionen erfreuen. Bilder aus längst vergangenen Zeiten von der Marienburg, Stralsund, Stettin, Breslau, Kolberg, Görlitz , Posen, Danzig, Königsberg, Zoppot lassen den Betrachter vergessen, dass das Beste , was Preußen zu bieten hatte, - die Salonkultur - von den in erster Linie kriegslüsternen Monarchen des Landes leider überhaupt nicht geschätzt wurde.

Sehr gute Beiträge, enorm kritische Beiträge.Empfehlenswert .






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