Rezension: Kunstband- Neo Rauch

Ähneln Rauchs Bilder tatsächlich barocken Allegorien?

In diesem hochwertigen Kunstband werden Bilder des Malers Neo Rauch präsentiert. Diese Bilder kann man derzeit im Original auf Ausstellungen in Leipzig (Museum der Bildenden Künste, 18.4.-15.8.2010) und München (Pinakothek der Moderne, 20.4. - 15.8.2010) bewundern. Das Buch ist den Ausstellungen entsprechend in zwei Hälften geteilt, die seitenverkehrt in der Mitte miteinander verbunden worden sind, um die beiden Ausstellungen auf diese Weise voneinander abzugrenzen.


Der Künstler so erfährt man, wurde 1960 in Leipzig geboren, studierte von 1981-86 Malerei an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, war dort anschließend Meisterschüler, später Assistent und schließlich in der Folge Professor. Rauch lebt heute noch immer Leipzig, kann auf viele Einzel- und Gruppenausstellungen zurückblicken, die im Buch alle aufgelistet sind und kann neben seinen Gemälden auch auf Arbeiten im öffentlichen Raum verweisen. So gestaltete er 2007 die Fenster in der Elisabethkapelle im Naumburger Dom. Der Leipziger wurde mit beeindruckenden Preisen ausgezeichnet und besticht durch seine ungewöhnlichen Bilder, zu denen im Buch textlich Stellung genommen wird.


Wie man erfährt, wären diese Ausstellungen in Leipzig und München, die man als gemeinsames Projekt betrachten muss, ohne private Leihgeber nicht möglich gewesen. Der vorliegende Katalog dokumentiert nicht nur die beiden Ausstellungsteile, sondern reichert deren Bildauswahl sogar durch weitere Werke an. Bernhard Schwenk von der Pinakothek der Moderne schreibt in seinem Essay "Kraft des Unzeitgemäßen", in dem er Neo Rauch als Maler der Gegenwart skizziert, an einer Stelle, dass die als "vormodern" angesehenen Bilder von Neo Rauch hochaktuelle Assoziationen freisetzen und bewusst unzeitgemäß mit einer Geschichtlichkeit arbeiten, die allerdings das Historische nicht als fragloses Faktum erscheinen lässt, sondern stattdessen in einer überzeitlichen Form der Nacherzählung bedeutungsoffen bleibt und auf diese Weise verschiedene Interpretationen denkbar werden lässt (vgl. S.12).
Auf mich wirken diese Gemälde tatsächlich etwas "vormodern", die Farben sind m.E. die Farben des Ostens. Eines der Bilder heißt "Paranoia". Gary Tinterow vom Metropolitan-Museum widmet sich ihm textlich näher und sagt fast ein wenig ratlos " Überdies sucht man verständlicherweise nach einer Erklärung für die Vielzahl von Figuren auf den Bildern". Tinterow muten Rauchs Kunstwerke beinahe wie barocke Allegorien an und diesem Eindruck kann auch ich mich nicht erwehren.

Die Ölbilder haben im Original alle museale Ausmaße. Beinahe ein wenig witzig interpretiert die Künstlerin Rosa Loy das Gemälde "Laube", 2008. Leider ist es nicht möglich, den gesamten Text hier zu zitieren, deshalb nur zwei, drei Sätze: " Eine Frau und zwei Männer vor einer gut gepflegten Laube im Spätsommer? Wer zeigt hier Dr. Daniel Gottlob Moritz Schreber und Turnvater Friedrich Jahn den Weg?....Eine Brandstifterin lädt in aller Beschaulichkeit zur Zündung eruptiver Gedankengänge und Handlungsoffensiven ein........."

Es ist unmöglich auf all die Textinterpretationen und Bilder im Buch einzugehen. Mir erscheinen die Motive wie Darstellungen aus einer längst vergangenen Zeit, einer Zeit mit einem Farbgefühl, dass man als das Gegenteil von mediterran bezeichnen könnte. Der Künstler Michael Borreman schreibt in seiner Betrachtung des Gemäldes" "Warten auf die Barbaren", dass diese Farben es u.a. sind, die den Motiven das Zufällig-Zeitgenössische entziehen (vgl. S.46). Dieser Deutung stimme ich gerne zu..

Lesenswert auch sind die Texte des Schriftstellers Uwe Tellenkamp etwa in der Mitte des Buches. Doch bei allen textlichen Hilfestellungen, sollte man es sich nicht nehmen lassen, sich in jedes einzelne Bild zu vertiefen und wie Rosa Loy unverkrampft, das was sich dem Auge anbietet, etwas amüsiert zu umschreiben und dies meine ich keineswegs respektlos. Diese Bilder beginnt man erst dann wirklich zu verstehen, wenn man sich ihnen nicht andächtig nähert.

Beurteilung  Neo Rauchs durch den Künstler Daniel Richter: "Neo Rauch ist zweifellos das beste, was der kontinentalen Malerei seit langer Zeit (ca. 1900) widerfahren ist.( Gilt das auch für seine Epigonen? Wohl kaum.)
Er war der saure Apfel, in den die Malerei Deutschlands beißen musste,um sich ihrer Kategorien zu versichern, und nicht allen haben die daraus resultierenden Überlegungen gefallen.
Auch mir war das Personal seiner Anfänge seinerzeit suspekt, längst ist es überwunden und hat sich verwandelt, in ein Kompendium allerheiterndsten Irrsinns.
Am liebsten sehe ich die Bilder auf den Kopf gestellt, das Äußerliche fällt dann von ihnen ab, bleibt am Rand liegen und gibt den Blick frei auf Mache und Organisation, die eigentlichen Kriterien der Malerei. und siehe- fantastisch."


Ein wirklich empfehlenswerter Kunstband.








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