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Rezension:Der Vorleser (Einzel-DVD)

Minderwertigkeitsgefühle oder Gefühle der Unzulänglichkeit machen Menschen lieblos.

Noch immer bin ich überrascht, dass mir die Verfilmung des Vorlesers - entgegen meiner Erwartung - neue Einsichten zu Schlinks Roman brachte.

Sah ich bislang die Botschaft, dass selbst Analphabetismus kein hinreichender Entschuldigungsgrund für das verantwortungslose Handeln der KZ-Wärterin Hanna ist und die Thematisierung des preußischen Kadavergehorsams im Vordergrund, zeigt mir der Film eine ganz andere, vielleicht noch eine viel wichtigere Facette.

Es ist nicht der Analphabetismus, sondern das daraus resultierende Minderwertigkeitsgefühl, das bei Hanna den Mangel an Nächstenliebe hervorruft.

Diese Frau ist eine Getriebene ihres eklatanten Minderwertigkeitsgefühls.

Hanna (Kate Winslet) wird Wärterin im KZ, weil sie verbergen möchte, dass sie nicht lesen und schreiben kann.

Sie war nicht bereit 300 Frauen und Kinder aus einer brennenden Kirche zu retten, weil sie kein Gefühl für diese Menschen zu entwickeln vermochte.

Sie lässt zu, dass diese Menschen dort qualvoll sterben.

Hanna ist im Käfig ihrer von ihr selbst gefühlten Minderwertigkeit gefangen. Das ist meines Erachtens das eigentliche Dilemma.

Dieses massive Minderwertigkeitsgefühl bringt sie dazu nicht zu intervenieren als sie zu lebenslanger Haft verurteilt wird. Sie entlastet andere KZ-Wärterinnen um den Preis, dass niemand erfährt, dass sie nicht lesen und schreiben kann.

Der Film zeigt einfühlsam die Liebesgeschichte zwischen dem 15 jährigen Michael und der mehr als doppelt so alten Hanna und lotet sehr gut den Prozess aus, der Jahrzehnte später stattfindet.

Ich möchte an dieser Stelle nicht die Filmhandlung wiedergeben, weil ich davon ausgehe, dass nahezu alle Käufer der DVD das Buch gelesen haben. Der Film weicht im Großen und Ganzen nicht von der Handlung im Buch ab.

Minderwertigkeitsgefühle sind immer der Auslöser für Machtphantasien und für den Wunsch diese auszuleben. Die Nichtbereitschaft sich mit den eigenen Schwächen auseinanderzusetzen, diese gelassen zu betrachten, um sie zu überwinden, kann stets zu viel Unheil führen.

Hitler, Goebbels, Hanna und wie sie alle heißen wurden monströs durch ihre extremen Minderwertigkeitsgefühle.

Es sind die eigenen, gefühlten Defizite, die Menschen unfähig machen andere Menschen wertzuschätzen und zu lieben. Nächstenliebe ist nur möglich, wenn man sich selbst akzeptiert und liebt. In psychologischen Büchern wird dies immer wieder zum Thema gemacht.

Die Schauspieler haben ihre Rollen perfekt gespielt, besonders Kate Winslet, die den psychischen Defekt Hannas sehr gut visualisiert hat.

PS: Nachdenkenswert finde ich auch die Gegebenheit, dass das Wissen, das Hanna über das Vorlesen und das Hören von Kasetten erhält, zu keinerlei Erkenntnisprozessen führt. Hanna mangelt es nicht an Intelligenz , das macht dieser Film ebenso deutlich wie das Buch.

Offenbar ist die Kraft von Minderwertigkeitsgefühlen derartig stark, dass sie unfähig macht zu erkennen.











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