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Rezension: Charlotte von Stein-

Warum gabst du uns die tiefen Blicke

Unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun

Unsre Liebe, unserm Erdenglücke,

Wähnend selig nimmer hinzutraun?

Warum gabst uns, Schicksal die Gefühle

Uns einander in das Herz zu sehn,

Um durch all die seltenen Gewühle

Unser wahr Verhältnis auszuspähn?"

Das ist der erste Vers eines Gedichtes von Goethe an Charlotte von Stein, verfasst am 14.4.1776, das , wie Doris Maurer konstatiert : " - merkwürdig hellsichtig - ihre Beziehung beschreibt: die Beglückung, die Schwierigkeiten, das nicht zu vermeidende Scheitern." ( S. 53)

Doris Maurer schildert im vorliegenden Buch das Leben von Charlotte von Stein( 1742 -1827), dem Herzen-Du des Dichters Johann Wolfgang von Goethe.

Die Autorin befasst sich nicht alleine mit der Liebesbeziehung zu Goethe, sondern sie äußert sich auch über das Weimarer Umfeld, Charlottes Nöte und Freuden, den Beschränkungen und Behinderungen, die Frauen in jener Zeit zu tragen hatten.

" Ich glaube " schreibt Frau von Stein am 8. 3.1776 an ihren Arzt Dr. Zimmermann, " dass Goethe und ich niemals Freunde sein werden " ( S . 42). Doch Goethe schreibt an den Dichter Wieland im April 1776 : " Ich kann mir die Bedeutsamkeit , die Macht, die diese Frau über mich ausübt, nur durch Seelenwanderung erklären. Ja wir waren wir einst Mann und Weib! - Nun wissen wir von uns - verhüllt, in Geisterduft. - Ich habe keinen Namen für uns- die Vergangenheit- die Zukunft- das All." (S.55)

Obwohl er davon überzeugt war das Charlotte in einer anderen Welt seine Frau gewesen und sie ihm sehr zugetan ist, zögert sie lange seine Geliebte zu werden. Sie widersteht mit der ganzen Kraft ihrer sozialen Stellung, ihrer Pietät und dem Gewissen als Mutter und Ehefrau.

Goethe, der sie auch wegen des neuen Lebensgefühls liebt, das sie ihm gibt, bewundert sie wegen ihres Widerstands, den er für heroisch hält. Sie tadelt ihn. Hält ihn zu Geduld, Maß und Verzicht an . Dies wird später zu einem seiner Themen in der Philosophie.

Charlotte lehrt ihn sich zunächst selbst zu besiegen, bevor man über andere " triumphiert ".

Nach längerer Weigerung gab sie schließlich nach. Für Goethe tritt nach einer Zeit der Leidenschaft, eine Phase der Ruhe ein. Daran erinnern die rund 2000 Briefe des Dichters an Charlotte von Stein.

Als er der Weimarer Funktionen müde ist, reist er nach Italien. Diese Reise läutet das Ende der großen Liebe ein. Die eigentliche Tragik dieser beiden Liebenden bestand darin, dass Charlotte eine verheiratete Frau war und die Gesellschaft von beiden Tribut verlangte, der das Scheitern der Beziehung schließlich zur unvermeidbaren Konsquenz hatte.

Nach der Trennung lebt Charlotte noch 40 Jahre lang, muss die bitteren Folgen der Napoleonischen Kriege ertragen, steht bis zuletzt dem Hof nah und ist Augenzeugin der deutschen Klassik.

Charlotte von Stein war eine schöne Intellektuelle. Frauen dieser Art gibt es nur sehr selten. Sie durchleben meist große Höhen und Tiefen, wie ich vor wenigen Tagen anhand der Biographie Susan Sontags bereits dargelegt habe. Das ist ihr Schicksal.

" Ich muss ihn lieben, weil mit ihm mein Leben

Zum Leben ward, wie ich es nie gekannt.

Erst sagt ich mir : Entferne dich von ihm!

Ich wich und wich und kam nur immer näher,

So lieblich angelockt..." ( aus Goethe: Torquato Tasso)


Empfehlenswert!

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