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Rezension: Neidisch sind immer nur die anderen: Über die Unfähigkeit, zufrieden zu sein, von Rolf Haubl

 Neid als auch Eifersucht sind mit Feindseligkeit verbunden,
Rolf Haubl ist Professor für Psychologie an der Universität Augsburg.

Im vorliegenden Buch befasst er sich mit den Ursachen und Auswirkungen des Neidgefühls und der Unfähigkeit vieler Menschen zufrieden zu sein.

Haubl reflektiert eingangs die Bestimmungsmerkmale und Erscheinungsformen von Neid.

Der Psychologe verdeutlicht, dass das hauptsächliche Bestimmungsmerkmal des Neides Feindseligkeit ist. Er konstatiert, dass Neid vorliegt, wenn jemand feindselig darauf reagiert, dass ein anderer ein Gut besitzt, das er selbst begehrt, sich dieses aber selbst nicht aneignen kann.

Eine psychosoziale Bewältigung von Neid ist durch Depression, Ehrgeiz und Empörung möglich.

Der Autor weist auf die Verwandtschaft von Eifersucht und Neid hin. Während Neid eine Beziehung zwischen zwei Personen, der neidischen und der beneideten voraussetzt, umfasst Eifersucht offenbar ein Beziehungsdreieck, ( beispielsweise eifersüchtiger Mann, geliebte Frau und Rivale). Neid als auch Eifersucht sind mit Feindseligkeit verbunden. Wenn Eifersucht und Neid zusammenkommen, so entzünden sie sich aneinander, da beide leicht entflammbar sind.

Ein christliches Ideal ist die Neidfreiheit. Neid gilt in der Bibel als Todsünde. Der Autor setzt sich mit dieser Gegebenheit detailliert auseinander und lotet in diesem Zusammenhang den Kain-Komplex aus. Dabei zeigt sich , dass Neidbewältigung der eigentliche Ursprung der Zivilisation ist.

Des weiteren spricht Professor Haubl von den Ausdrucksformen des Neides und hier vor allem von den neidischen Gesichtszügen, die sich mit den Jahren bei neidischen Menschen eingraben. Diese Personen gelten allgemein als verbissen und unsympathisch. Der Begriff " Scheelsucht" kommt nicht von ungefähr, wie der Psychologe klarmacht. Der schiefe Blick ist nach seiner Ansicht deshalb sehr schlimm, weil er täuscht. Der Kopf weist in eine andere Richtung als die Augen. Das Phänomen des bösen Blickes ist mit dem des scheelen Blickes eng verwandt und geistert nicht ganz grundlos durch die Jahrhunderte, wie Prof. Haubl verdeutlicht.

Neid und Schadenfreude sind ein Begriffspaar, das zusammengehört. Dabei ist Schadenfreude eng mit Grausamkeit verwandt. Schadenfreude gibt dem Neidischen psychische Entlastung.

Wenn Schadenfreude nicht genügt um den Neid zu besänftigen, versucht der neidische Mensch sich zu rächen. Sofern der neidische Mensch seinen beneideten Mitmenschen in der Phantasie oder gar real schädigt bzw. vernichtet, hat er dessen vermeintlichen Angriff " auf magische Weise ungeschehen gemacht."( vgl. S. 82) Treffend spricht man in diesem Zusammenhang von kalter Rache.

Ressentiment ist eine neidisch-rachsüchtige Haltung. Wer Groll wider einen beneideten Menschen hegt, erlebt sich in mehrfacher Hinsicht als ohnmächtig. Zum einem glaubt er nicht daran das begehrte Gut aus eigener Anstrengung erlangen zu können, zum anderen fürchtet er , dass er unterliegt, wenn er es versuchen würde, sich gegen den anderen offen feindselig zu verhalten, ferner wagt er es sich nicht Neid einzugestehen, weil er gelernt hat, dass nur böse Menschen neidisch sind. Das bedingt , dass Neid und Feindseligkeit verdrängt werden und sich nur maskiert zeigen können. Ergebnis sind ressentimentgeladene Menschen, die nach risikolosen Möglichkeiten suchen, ihre neidische Feindseligkeit zu befriedigen.

Bemerkenswert ist, dass Neid Mitleid verhindert. Der Neider kann sich nur durch Schadenfreude und Rache psychisch entlasten, sofern er den Beneideten nicht bemitleidet. Nur wer ohne Empathie ist, kann sich feindselig verhalten. Deshalb, so Haubl, führt Neid nicht selten zu einer generellen Empathieverweigerung.

Ohne Empathie allerdings ist Fremdverstehen unmöglich. Der Neider lässt sich nicht auf die Erlebniswelt des Beneideten ein, weil er ihn sonst nicht mehr länger entwerten kann. Er möchte seine Vorurteile bestätigen, sonst nichts. Besonders gerne blenden Neider , wie der Autor festhält, Anstrengungen aus, die sie selbst nicht auf sich nehmen möchten, sowie beschwerliche Folgen , die der Besitz des begehrten Gutes mit sich bringt.

Auch zwischen Neid und Zynismus gibt es Zusammenhänge. Ein Zyniker wertet ab, was ihm selbst etwas wert ist.

Der feindselig -schädigende Neid richtet sich nicht nur gegen den beneideten Mitmenschen, sondern auch gegen den Neider selbst. Auch wenn sich der neidische Mensch durch das Ausleben von Ärger, Wut und Hass psychisch entlasten kann, hilft es ihm letztlich nichts, weil sein Begehren ungestillt bleibt . Alles, was er der beneideten Person antut, fällt auf ihn selbst zurück. Auch wenn er das Gut und den Menschen, dem es gehört zerstört hat, behält er das Gut vor Augen, das er nicht besitzt. Er wird weiter leiden. Der Neid wird ihn vergiften und ihn verzehren.

Eine der Auswirkungen von Neid ist Rivalität. Hier unterscheidet Haubl zwischen ehrgeizig -stimulierender und feindselig schädigender Rivalität. Während man bei der ehrgeizig -stimulierenden Rivalität bestrebt ist sich im Vergleich mit anderen ständig zu verbessern und damit die Möglichkeiten der Verbesserung und nicht die Rivalität im Vordergrund steht, verhält ist es bei der feindselig- schädigenden Rivalität so , dass diese sich ausschließlich auf die Rivalität konzentriert. Es geht darum die Rivalen aus dem Feld zu schlagen. Deshalb sehen Personen, die so gestrickt sind, ihre Rivalen als Gegner bzw. Feinde. Wer durch krankhaften Ehrgeiz in seinem Tun angetrieben wird, gelangt früher oder später in feindselig -schädigender Rivalität zu seinen Mitmenschen. Personen dieser Art verfügen über ein hohes Aggressionspotential, unabhängig davon, wie erfolgreich sie sind. Zudem sind sie in der Regel nicht kreativ. Der Psychologe nennt die Gründe für dieses bemerkenswerte Phänomen.

Neidische Menschen ertragen offenbar vor allem eines nicht: soziale Unterstützung von einer Person zu erhalten , die sie um das begehrte Gut beneiden, nicht zuletzt weil die Person zu dem primär beneideten Gut auch noch das beneidenswerte Gut der Hilfsbereitschaft besitzt.

Der Psychologe beleuchet im Buch auch den so genannten Geschlechterneid, er diskutiert Penisneid, Vaginalneid, Brust- und Gebärneid . Auch ist für ihn der Neid unter Geschwistern und der Neid als Generationenkonflikt ein Thema.

Neid am Arbeitsplatz führt zu vergiftetem Betriebsklima. Gerüchte und Klatsch sind die Mittel um einer beneideten Person zu schaden. Dort wo Neid und Missgunst herrschen ist Mobbing nicht weit. Unter Mobbing versteht man, so Haubl, die zielstrebige Entwertung eines Mitarbeiters durch Kollegen mit dem Ziel diese Person auszugrenzen. Infolge der aggressiven Gruppendynamik wird in der Regel die Arbeitsfähigkeit aller untergraben. Strategien des Mobbing sind u.a. den anderen des geistigen Diebstahls zu bezichtigen ( vgl. S. 230) , ihn zu terrorisieren und vieles andere mehr. Wehrt sich der Gemobbte, bestätigt er die in ihrer Wahrnehmung eingeschränkte Gruppe in der Meinung, dass er nur Scherereien macht. Nicht selten gilt der gemobbte Mitarbeiter als Sündenbock. Die Arbeitsgruppe versucht sich auf seine Kosten zu stabilisieren. Der Versuch allerdings stellt sich als Illusion heraus, wie der Psychologe festhält, weil alsbald ein anderer Mitarbeiter in die Rolle des Sündenbocks gedrängt wird.

Im letzten Teil des Buchs hinterfragt Haubl, ob es auch gerechtfertigten Neid gibt. Hier thematisiert er Rawls Verteilungsgerechtigkeit und den Begriff der Gerechtigkeit im allgemeinen.

Der Psychologe lässt nicht unerwähnt, dass Menschen immer dann eine große Neidbereitschaft an den Tag legen, wenn sie im Laufe ihres Lebens ein falsches Selbst entwickelt und nie gelernt haben, was sie am besten können. Menschen , die ihre Lebensenergie in die falschen Ziele investieren, haben das Gefühl das Leben verfehlt zu haben. Sie neiden ihren Mitmenschen letztlich das vitale Lebensgefühl , das sie nicht haben. Weil sie es nicht besitzen, müssen sie es bei anderen verderben.

Ein Lesemuss für alle , die sich und andere verstehen möchten!










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