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Rezension: Amerika

"Alles Reden ist sinnlos, wenn das Vertrauen fehlt." (Kafka)

Kafka erzählt die Geschichte des sechzehnjährigen Karl Roßmann. Dieser wird von seinen Eltern dazu angehalten zu Beginn des letzten Jahrhunderts in die USA auszuwandern, nachdem ihn eine ältere Hausangestellte verführt hat und daraufhin schwanger geworden ist. In Amerika angekommen wird er alsbald mit den übergroßen Erwartungshaltungen Dritter, wie auch den drastischen Folgen, wenn er diese nicht zu deren Zufriedenheit erfüllt, konfrontiert.

So geht sein reicher Onkel, bei dem er vorübergehend Unterschlupf findet, ebenso unbarmherzig mit Karl um, wie später dann zwei Tagelöhner, die sich als seine Kumpane aufspielen, sich gleichwohl aber ungeniert seiner Habe und anschließend gar seiner Arbeitskraft bemächtigen. Der gutwillige, naive Karl wird, wo immer auch er sich aufhält, unfair behandelt, gnadenlos ausgenutzt und fallen gelassen. Als Liftjunge in einem gut besuchten Hotel ergeht es ihm nicht viel besser, wie später als versklavter Diener einer heruntergekommenen, selbstsüchtigen Opernsängerin.

Obgleich er immerfort als "Mittel für die eigennützigen Zwecke anderer eingesetzt wird, stellt dieser stets hilfsbereite junge Mann das niederträchtige Verhalten seiner Gegenüber nicht in Frage, sondern ist bemüht vernünftige Argumente zu finden, um deren Tun auf irgend eine Weise zu exkulpieren. Karl erscheint als einer der wenigen feinen Menschen unter einer Herde egoistischer Rohlinge.
Dieser Roman Kafkas ist ein Fragment. Dennoch ist erkennbar, dass der Autor Kritik nimmt am so genannten "amerikanischen Traum" und sich mehr mit der amerikanischen Wirklichkeit befasst, so etwa den dortigen sozialen Missständen zu Anfang des letzten Jahrhunderts, insbesondere der bitteren Armut, der Verelendung der Einwanderer und dem erbarmungslosen Kampf eines jeden gegen jeden um eine vermeintliche Chance des Vorwärtkommens.
In Kafkas Amerika mangelt es den meisten Menschen an ethischen Wertvorstellungen und an Höflichkeit. Ob das "Naturtheater von Oklahoma" , dem sich der Europäer Karl irgendwann anschließt, eine Möglichkeit ist, der vorangegangen Unbill zu entfliehen, bleibt offen.

Ein sehr dicht geschriebener, packender Roman!
















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