Rezension: Lesebuch für Verführer

"Wer ein Mädchen nicht in solchem Grad zu faszinieren weiß, dass sie alles aus dem Blick verliert, was man sie nicht sehen lassen will, wer sich in ein Mädchen nicht in solchem Grad hineinzudichten weiß, dass alles von ihr selbst ausgeht, so wie man es wünscht, der ist und bleibt ein Pfuscher....Sich in ein Mädchen hineinzudichten ist eine Kunst." ( Kierkegaard: Tagebuch eines Verführers)

Was ist ein Verführer? Ganz gewiss ein Mensch, der die Begabung besitzt charmant zu sein, zu überzeugen und zu bezaubern, ein Mensch, der andere Menschen beeinflussen oder sie gar auf Abwege bringen kann. Bei allem sollte er natürlich auch noch in der Lage sein anderen Vergnügen zu bereiten.

Sirenen, Weiberhelden, Traumfrauen und Traummänner, Kokette, aber auch Charismatiker besitzen solche Begabungen. Dabei verführen Charmeure aus Leidenschaft und maskieren ihre List mit einer vergnüglichen Atmosphäre. Geschickt wenden sie die Aufmerksamkeit ihrem Opfer zu, vollziehen dessen Denkweise nach, fühlen mit ihm, passen sich seiner Denkweise an. Charmeure machen sich die Eitelkeit und Egozentrik ihrer Mitmenschen zunutze.

Das vorliegende Buch ist ein "Lesebuch für Verführer" und enthält eine Sammlung von Auszügen aus Romanen, Erzählungen, Geschichten und wissenschaftlichen Darstellungen. Natürlich wird auch mit Lyrik aufgewartet.

Der Verführer sieht sich in den Textpassagen gespiegelt, darf sich freuen oder auch verärgert das Buch zur Seite legen, je nachdem, wie offen er mit sich und seinen Verhaltensmustern umzugehen vermag.

Schön, dass man einen Textauszug des Hohen Liedes von Salomon nicht vergessen hat:" Wie schön bist Du,/ Und wie lieblich bist du,/ Oh Liebe in der Lust/...", eine Gedichtszeile aus den Anfängen der Verführung..., der u.a. Anmerkungen zum Geschlechtsleben der Hebräer von Karl May folgen. Von Lug und Trug und vom Spiel zwischen Kavalieren und galanten Damen, aber auch von der grundsätzlichen Einschätzung des anderen Geschlechts durch Friedrich Nietzsche ist die Rede. Ein Gedicht von Ringelnatz und eine Passage aus Kafkas "Schloss" beleuchten auf ihre Weise das Phänomen der Verführung. Auch die Gefahren der Verführung und der blinden Liebe werden thematisch nicht ausgespart. Ferner wird ein Augenmerk auf die Exotik der Verführung gelegt. In diesem Zusammenhang lernt man ein Schreiben des Scheiks Nefzaui über würdige Frauen kennen. Auch über die schlimmen Folgen von Verführung und einem Vorschlag zur Hebung der Ehe von Schopenhauer liest man, wobei die Textstellen von Mirbeau, von Friedrich Schlegel und von Choderlos de Laclos mir am erbaulichtesten erscheinen, wenn man von dem Text Giacomo Casanovas absieht.

Casanova verstand es seine Opfer immer tiefer in Verführungssituationen zu locken. Er weckte Neugierde, die stets stärker war als alle damit zusammenhängenden Ängste und Zweifel. Seine Opfer folgten ihm entzückt.

Solange man Verführer nicht ernst nimmt, kann man viele nette Stunden durch sie erleben. Dieses Buch macht dies deutlich.

Eine erbauliche Lektüre.








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