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Rezension: Zu Gast bei Gustav Klimt

Ein sinnesfroher, äußerlich dezent ins Faunische oszillierender Mann!,

Der Kunsthistoriker Joachim Nagel befasst sich seit vielen Jahren mit der Lebenswelt großer Künstlerpersönlichkeiten.

Wie man dem Klappentext entnehmen kann, ist er Gourmet aus Passion. Er und die renommierte Fotografin Isolde Ohlbaum sind für den Inhalt und die visuelle Gestaltung dieses wunderbaren Buches verantwortlich.

Gustav Klimt (1862-1918) war österreichischer Maler in Wien, der als Hauptvertreter des Wiener Jugendstils und Vorläufer des Phantastischen Realismus gilt.

1883 eröffnete Klimt gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Ernst und dem Maler Franz Matsch ein Atelier für Wanddekorationen.

Nach dem Tod des Bruders 1894 trennte sich Klimt immer mehr von der akademischen Tradition und wurde zum Wortführer der jungen Generation. 1897 gründete er die neue " Vereinigung Bildender Künstler Österreichs " , bekannt unter dem Namen " Wiener Secession ", deren Präsident er wurde. 1900 vollendete er die Darstellung der " Philosophie " für den Festsaal der Neuen Wiener Universität, 1901 die " Medizin" und 1903 die " Jurisprudenz "( diese wurde später von den Nationalsozialisten zerstört).

Vom Establishment kritisiert, wurde der Maler allerdings von jungen Intellektuellen enthusiastisch gefeiert.

1905 verließ Klimt die Secession und unternahm zahlreiche Reisen durch Europa. Trotz der Ablehnung der maßgeblichen Öffentlichkeit wurde er der begehrteste Porträtist des mondänen Wien. Er war der Maler der Frauen , der" süßen Mädln " im Atelier und den vornehmen Damen im Salon.

1917 wurde Klimt die Professur der Wiener Akademie verweigert. Man ernannte ihn aber dort und auch an der Münchner Akademie zum Ehrenmitglied.

Nagel berichtet in diesem Buch von der Lebensart und den privaten Gepflogenheiten des Künstlers , die für die Entstehung seiner Bilder nicht ohne Bedeutung waren. Im Buch geht es darum, so Nagel " dem großen Künstler hier auf die Spur zu kommen und als magisches Zentrum seine individuelle Lebenskunst offen zu legen, die zugleich Frucht eines unverwechselbaren Nährbodens ist."

"Zu Gast bei Gustav Klimt" ist eine Genussbiographie, denn Klimt war ein Lebemann, der die Frauen liebte und das Zusammensein mit gleich gesinnten Künstlern in Wiener Kaffeehäusern und Beisln schätze. Was er dort vermutlich speiste , erfährt man anhand von 40 Rezepten aus der traditionellen Wiener Küche, aber man liest auch , womit er seine Modelle in seinem Atelier kulinarisch bei Laune gehalten hat.

Mit Auguste Rodin plaudert er bei diversen Bouteillen Champagner im Sacher-Garten, der damals als das nobelste Lokal des Praters galt.

Das Buch enthält viele Abbildungen seiner Kunstwerke , Fotos von ihm und von den Speisen der Wiener Küche.

Die Kunstwerke sind jeweils knapp kommentiert, so liest man etwa: " Goldfische ( Öl auf Leinwand 1901/02, Kunstmuseum Solothurn, Dübi-Müller-Stiftung). Das erotische Motiv der Nixe findet sich häufig im Werk Gustav Klimts, zuweilen mit lesbischen Anklängen ( vgl. Wasserschlangen I, S. 116) , doch nirgends mit so unverhohlen lockendem Gestus wie auf diesem Gemälde - eine provokante Replik auf den von konservativen Kreisen erhobenen Vorwurf, seine Kunst sei pornographisch."
Die Beziehung zu der erfolgreichen Moderschöpferin (sie designte u.a. Reformkleider) und Unternehmerin Emilie Flöge ist ein Thema des Buches . Klimt und Flöge unterhielten eine halböffentliche Liaison , die genügend Freiraum ließ ihre beruflichen Karrieren in angemessener Form zu verfolgen. Nagel konstatiert sie waren: " eng verbunden und doch unabhängig voneinander."

Der Autor lässt den Leser bei der Beschreibung des Gemäldes " Der Kuss " wissen:

"In Klimts wohl berühmtesten Werk vermählen sich die Liebenden in der Aura des Goldes und der Poesie von Farbe und Flora zu einem Idealbild des siegreich über die Welt erhobenen Eros. Der Gedanke , Klimt habe hier auch seiner Beziehung zu Emilie ein Denkmal setzen wollen, liegt durchaus nahe - allerdings kommt sie angesichts des fragilen rothaarigen Wesens auf dem Gemälde , nicht als weibliches Modell in Frage( wie in Forschungskreisen eine Zeit lang vermutet.)"

Man weiß, dass in Klimts Atelier täglich mehrere Modelle bereitstanden. Er nutzte sie nicht zu Weiterführung von Bildern, sondern zeichnete Aktstudien stets in Beziehung zu den Bildern. Seine Zeitgenossen empfanden die Amouren des Künstlers mit seinen Modellen als offenes Geheimnis. " Im Atelier war er von geheimnisvoll- nackten Frauenwesen umgeben, die, während er stumm vor seiner Staffel stand, auf und nieder wandelten, sich räkelten, faulenzten und in den Tag hineinblühten- stets auf einen Wink des Meisters bereit, gehorsam still zu halten, sobald dieser eine Geste oder Stellung erspähte, die in rascher Zeichnung festzuhalten seinen Schönheitssinn reizte."

Nagel konstatiert: Die Perspektive des unbefangenen Genießers von Lust und Schönheit verraten die erotischen Zeichnungen Klimts - so verströmen selbst gewagtere Darstellungen als beispielsweise der " Liegende Mädchenakt nach links " den ungebrochen Zauber der weiblichen Anmut.

Klimt erlebte , ähnlich wie Rodin stets Eros und Kreativität in inniger Verflechtung.

Ein wunderschönes, gelungenes Buch !




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