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Rezension:Rosemarie Nitribitt. Autopsie eines deutschen Skandals

Im Alter von 11 Jahren wurde Rosemarie vergewaltigt!,
Christian Steiger hat ein hochinteressantes Buch über das Leben und Tod der Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt geschrieben. Die 1,60 m kleine Frau wurde im Alter von nur 24 Jahren 1957 in Frankfurt durch Gewalteinwirkung ums Leben gebracht.

Tatverdächtige gab es einige, doch letztlich konnte der Täter nie gefasst werden. Von daher ranken sich bis zum heutigen Tage viele Legenden um das Geschehen von damals. Auch Steiger konnte nicht zur wirklichen Erhellung des Falls beitragen, obgleich er sorgfältig recherchiert hat.

Geschickt wurden die Spuren, die zum Mörder hätten führen können, von Anfang an verwischt.

Die 1933 geborene Rosemarie Nitribitt wuchs die ersten Jahre ihres Lebens in zerrütteten Familienverhältnissen in Düsseldorf auf . Sie verbrachte anschließend eine kurze Zeit im Kinderheim und wurde unmittelbar vor ihrer Einschulung in die Obhut einer Pflegefamilie in die Eifel-Kleinstadt Niedermendig verbracht. Bis zu ihrem elften Lebensjahr sah es noch so aus, als ob ihre Sozialisation befriedigend verlaufen würde, doch dann wurde das arme Kind vergewaltigt. Man verschwieg die Vergewaltigung dem Jugendamt, um den 18 jährigen Täter zu decken, obgleich das geschundene Mädchen aufgrund der Verletzung tagelang die Schule nicht besuchen konnte. Sich ganz gewiss körperlich entwertet fühlend , veränderte Rosemarie von da an ihr Verhalten .

Im Alter von 14 Jahren ließ sie eine Abtreibung vornehmen. Zu diesem Zeitpunkt erklärte sie ihren Mitschülern täglich in einem anderen französischen Soldatenbett aufzuwachen.

Das verhaltensgestörte Mädchen hatte bis zu ihrem zwanzigsten Lebensjahr viele Erziehungsheime durchlaufen. Man hielt sie für verdorben, schwadronierte von erblicher Vorbelastung durch die eigene Mutter und weigerte sich die schwere seelische Erkrankung des vergewaltigten Kindes zu sehen.

Ehrgeizig scheint Rosemarie gewesen zu sein, denn sie sprach fließend englisch, lernte später auch französisch und belegte Benimmkurse für höhere Töchter. Das Jugendamt allerdings testierte " Anzeichen von Schwachsinn".

Rosemarie träumte den gleichen Traum, wie viele Männer jener Jahre. Sie wollte vergessen, sie wollte den wirtschaftlichen Erfolg und wollte diesen durch entsprechende Statussymbole zeigen. Sie war ein Mädchen aus der untersten Gesellschaftschicht! Deshalb wohl glaubte die unausgebildete Rosemarie ihren Traum nur dadurch realisieren zu können , indem sie sich eine Zeitlang im horizontalen Gewerbe verdingte.

Durch die frühe Vergewaltigung und die daraus resultierende Entwertung war sie gewissermaßen prädestiniert für den Prostitutionsjob. Dass sie gegen Entgelt problemlos Männer auspeitschte, lässt aufgrund der frühkindlichen Vergewaltigung psychologisch eine nicht uninteressante Deutung ihres Tuns zu, die der Autor allerdings nicht näher beleuchtet.

Rosemarie mietete sich für ihrer Tätigkeit in einer gutbürgerlicher Wohngegend in Frankfurt fernab vom Rotlichtviertel ein .Ihre Nachbarn waren Direktoren, Ärzte, ein Fabrikant und Unternehmer.

Obschon es zu diesem Zeitpunkt in Frankfurt 1200 der Polizei bekannte Prostituierte gab und man zudem 10 000 Gelegenheitsprostituierte vermutete, hatte Nitribritt sehr bald eine Sonderstellung.

Aufgrund ihres Auftretens gelang es ihr rasch Zugang zu der Herren der High Society zu gewinnen und deren Libido zu befrieden. Ein einträgliches Geschäft, das ihr ermöglichte die begehrten Statussymbole, wie etwa einen MB 190 SL, Pelze, Brillantringe etc. zu erwerben.

Das sorgte für Aufsehen, ihr Klientel vergrößerte sich. Harald von Bohlen und Halbach( Krupp-Erbe), Harald Quant, die Sachs-Brüder , eine süddeutscher Fürst, aber auch Huschke von Hanstein kannten die gebürtige Düsseldorferin offenbar näher.

Bei allem war Rosemarie übrigens eine große Jazzliebhaberin und befasste sich zudem mit guter Literatur, ganz Dame der Gesellschaft, in der sie sich so gerne auch offiziell bewegt hätte.

Befreundet war sie mit einem Homosexuellen, den man später zum Hauptverdächtigen der Tat machte, ihm aber letzlich das Verbrechen nicht nachweisen konnte.

Der Autor berichtet von den wenig glücklichen Aufklärungsbemühungen seitens der Frankfurter Kripo, die im Netz damaliger Vorurteile gefangen, möglicherweise nicht wirklich kritisch recherchiert hatte.

Steiger, der als einer der ersten Journalisten zu den Ermittlungsakten der Frankfurter Kriminalpolizei und Staatsanwalt Zugang hatte, zeigt auf welche zum Teil fragwürdige Weise Kripo, Justiz aber auch die Presse sich des Falles Nitribitt angenommen haben und wie deren glückloses Zusammenspiel schließlich verhinderte , dass man den Mörder der jungen Frau bis heute hat nicht finden können.
Ein bemerkenswertes Buch, dass die gesamte Spießigkeit, Doppelmoral und Kleingeistigkeit der 50er Jahre und ihrer Protagonisten dokumentiert, die ein Phänomen wie Rosemarie Nitribitt erst möglich machte.

Empfehlenswert!




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