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Rezension: Leviathan

Über menschliche Abgründe.

Die in diesem Roman dargestellten Ereignisse finden in einer französischen Kleinstadt zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts statt. Der mittellose, völlig unscheinbare Hauslehrer Gueret verliebt sich in die junge, schöne Angele. Nachdem er erfährt, dass diese Frau für ihre Tante, einer in jeder Beziehung heruntergekommenen Restaurantbesitzerin, als Gelegenheitsprostituierte tätig ist, rast er vor Eifersucht und begeht, wie im Rausch, zwei schwere, kriminelle Straftaten. Zunächst misshandelt er, ohne dies wirklich zu wollen, Angele folgenschwer.

Dies führt dazu, dass sie dauerhaft ihre Schönheit verliert. Anschließend tötet er auf der Flucht vor seiner Tat einen alten Mann aus Panik. Dann versteckt er sich. Als ihm zu Ohren kommt, dass die von ihm erschlagen geglaubte Angele lebt, zieht es ihn erneut an den Ort des Geschehens zurück. Gueret erscheint das, was er getan hat, unwirklich. Der unwillentlich agierende Täter nimmt die Täterschaft nicht an und kann deshalb noch nicht einmal Reue empfinden. In gewisser Hinsicht verdrängt dieser Mann seine Taten sogar.


Er möchte mit Angele zusammen sein und irgendwo in der Fremde gemeinsam mit ihr ein neues Leben beginnen. Diesen Wunsch unterbreitet er der jungen Frau, die ihn wegen seiner Tat zutiefst verabscheut, aber ihn dennoch nicht der Justiz ausliefert. Sie unterlässt dies wohl deshalb, weil sie sich von seiner Zuneigung trotz allem angezogen fühlt und ihn aufgrund dessen schützen möchte. Angele erbittet sich Bedenkzeit.....

Unterdessen bemühen sich die Kleinstadtbewohner darum den Tatverdächtigen aufzuspüren. Zwei ortsansässige Damen, die mit ihrem Älterwerden nicht zu Rande kommen, haben persönliche Interessen die Ereignisse nicht auf sich beruhen zu lassen, sondern den potentiellen Täter Gueret der Polizei ausliefern. Sowohl die selbstsüchtige Restaurantbesitzerin Madame Londe als auch die zum Sadismus neigende, unzufriedene Ehefrau des reichen Geschäftsmannes Grosgeorge bemühen sich aus nicht unbedenklichen Motiven Gueret hinter Gitter zu bringen.

Das heisst, beiden geht es nicht darum, dass ein Täter für seine kriminellen Handlungen zur Verantwortung gezogen wird, sondern sie haben ausschliesslich Projektion, Rache und Genugtuung im Sinn. Julien Green beschreibt in seinem dichten, bedrückenden Roman vor allem die Phänomene: Bosheit, Kälte und Mitleidslosigkeit. Diesen menschlichen Abgründen stellt er die Liebe als Hoffnungsträger gegenüber. Sie allein bietet die Möglichkeit zu verzeihen, selbst dort, wo es dem unbeteiligten Dritten mitunter kaum möglich ist, dies zu verstehen.

Ein brillant geschriebener , großer, zeitloser Roman.

Rezension Helga König





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