.

.

Rezension:Die Soziologie von Norbert Elias: Eine Einführung in ihre Geschichte, Systematik und Perspektiven (Broschiert)

Der Menschenwissenschaftler


Immer wieder denke ich an eine Aussage von Norbert Elias, der über unsere aktuelle Zeit sagte, dass sie das Ende des Zeitalters der Barbaren sei. Schon in der Titelüberschrift kommt zum Ausdruck, wie sich Elias gesehen hat. Es ging im um die Menschen in ihrer Gesamtheit, ihre Wechselwirkungen, die Kommunikation untereinander, die Kooperation und die Bändigung einer uns inhärenten Kampfeslust bzw. Aggression.



"Jeder einzelen Mensch setzt eine Vielzahl von Menschen voraus und die Interdependenz mit anderen gehört zu den Grundtatsachen seiner Genese und Entwicklung." Elias hat die Soziologie insgesamt mit begründet und ihr zu einem selbstbewussteren Status innerhalb aller Wissenschaftsdisziplinen verholfen.



Im Unterschied zu anderen forschte Elias nicht nur im Status quo, sondern bezog sein Wissen auch aus der Vergangenheit in vielen vergleichenden Studien. Seine Argumentation hat eine auffallende Nähe zum Symbolischen Interaktionismus und zur Kommunikationstheorie. Der Mensch ist nie ganz Ego, sondern immer eingebettet in einen Prozess der Zivilisation, die für ihn in Pendelbewegungen verläuft. Aktionen rufen Gegenreatktionen hervor, Negatives gleich sich aus, und entwickelt sich weiter zu zivilisatorischen, besseren Formen des Umgangs.



Elias sieht das Fußballspiel als besondere Ausprägung und Lehrstück für die Regelung von Zusammenspiel und Aggression. Materazis Kopfstoß gegen Zidane im WM Entspiel ist ein Beispiel für unterschwellig mitspielende Kampfeslust, für Provokationen und Gewalt, die normalerweise durch ein zivilisatorisches Regelwerk in besseren Bahnen laufen.



Dieses klar und ohne Soziologen-Jargon verfasste Buch gibt einen hervorragenden Einblick in das Werk von Elias inkl. einer umfassenden Literaturliste (Veröffentlichungen von Elias, Sekundärliteratur).Am Ende weist die Autorin darauf hin, dass Elias zur modernen Hirnforschung vorausschauend kritisch gesagt hätte: "Natur wird gleichgesetzt mit Unveränderlichem und Angeborenem und damit konzeptionell von dem getrennt, was veränderlich und gelernt ist. Doch wie können Menschen überhaupt etwas lernen, wenn sie nicht durch die Natur, also biologisch, dafür ausgestattet wären?"



Das Hauptwerk von Norbert Elias Über den Prozeß der Zivilisation I/II: Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten ... zu einer Theorie der Zivilisation: 2 Bände wurde 1998 auf der ISA-Liste der zehn wichtigsten soziologischen klassischen Werke des 20. Jahrhunderts platziert.

Rezension: Helga König



















Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen