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Rezension:Die neuen Spießer. Von der fatalen Sehnsucht nach einer überholten Gesellschaft (Gebundene Ausgabe)

Der 1971 geborene Journalist Christian Rickens hat sich in seiner Generation umgesehen und dabei festgestellt , dass sich dort eine ihm bedenklich erscheinende " Neue Bürgerlichkeit" ausmachen lässt, die sich in ihren Wertvorstellungen deutlich von den Idealen der 68er-Bewegung abgrenzt. Rickens zeigt in seinem Buch , dass diese " Neuen Bürgerlichen " im Grunde eine Generation von Spießern alter Schule sind. Offenbar sind sie in ihrem Habitus jenen nicht unähnlich, durch die man im vergangenen Jahrhundert bereits bis zur Schmerzgrenze , oft sogar noch darüber hinaus enerviert worden ist.

Woran kann man einen Spießer festmachen?  Nach Ansicht des Journalisten keinesfalls daran , welchen Lebensstil jemand lebt, sprich ,ob jemand ein Einfamilienhaus oder eine Ikea-Family-Card besitzt, sondern in erster Linie daran, dass Spießer intolerante Zeitgenossen sind, misstrauisch gegenüber anderen Menschen, Ideen und Religionen. Es geht diesem Personenkreis um die Verabsolutierung des eigenen Lebensentwurfes und um eine aus Zukunftspessimismus gespeiste Abwehrhaltung.

Rickens setzt sich mit dem demographischen Wandel in Deutschland auseinander, der im Fokkus der neuen Spießer steht und weist auf die tatsächlichen Gründe der Veränderung der Geburtenrate hin. Er kritisiert Schirrmacher und dessen Sprachrohr Eva Hermann sowie das sie umgebende geistige Umfeld, die in Kinderlosigkeit ein geradezu übergesetzliches Vergehen sehen und verdeutlicht , dass der so genannte Generationenvertrag letztlich keine Frage vermehrter Population ist, sondern nur durch wirtschaftliches Wachstum gesichert werden kann.

Rickens warnt davor, aufgrund der moralischen Aufladung der Demographiedebatte anerkannte demokratische Prinzipien und liberale Grundsätze über Bord zu werfen. Ein weiteres Thema der " Neuen Bürgerlichen" sind laut Rickens die Achtundsechziger, durch die angeblich Tradition, Autorität und Wertebindung den Bach runter gegegangen sind. Folge ihrer Aktivität sind in den Augen der Spießer Geburtenrückgang, aufgrund von Selbstverwirklichungmotiven, Erziehungskrisen, Kollaps des Sozialstaates und schlecht integrierte Ausländer. In diesen Bereichen wollen die " Neuen Bürgerlichen" längst ausgelatschte Wege beschreiten, im Irrglauben sie könnten auf diese Weise die Zukunft besser gestalten.

Rickens verdeutlicht , dass die derzeitigen wirtschaftlichen Umwälzungen und die damit einhergehenden gesellschaftspolitischen Veränderungen einen allgemeinen Wertwandel nach sich ziehen, der die Menschen fit macht für das Leben der Moderne, sprich das Leben in Zeiten der Globalisierung. Rückwärtsgewandte Spießbürgerlichkeit ist mit Sicherheit der falsche Weg, um sein Leben in diesen Zeiten sinnvoll zu gestalten.
Weiter untersucht Rickens den neuerdings wieder verwendeten Begriff der Unterschicht und hinterfragt , weshalb sich die" Neuen Bürgerlichen" Mitleid- im Sinne von Unterstützung von Langzeitarbeitslosen- nicht mehr leisten wollen und setzt sich in diesem Zusammenhang mit diesen wahren Globalisierungsverlierern auseinander.

Antriebslosigkeit, Drogenkonsum, Depression und Zerfall der Familienstrukturen sind die Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit. Die Angst der Mittelschicht ein ähnliches Schicksal zu erleiden , verführt sie dazu sich deutlich von der " Neuen Unterschicht" abzugrenzen, was Rickens sehr nachdenklich stimmt. Über den neuen Patriotismus schreibt der analytisch begabte Journalist und über das Ende des Multikultitraumes aber auch über die Abkehr der " Neuen Bürgerlichen" von der Mülltrennung und deren Begründung für ihre Verhaltensänderung.

Rickens erwähnt den Philosophen Karl Popper , der u.a. darauf hingewiesen hat, dass es keine entgültigen Wahrheiten gibt. So sind ganz offensichtlich die Wahrheiten der 68er Generation neuen Wahrheiten gewichen, die irgendwann natürlich ebenso verschwinden werden, wie die vorangegangen. Spießer gibt es in allen Generationen. Der von Rickens ausgemachte neue Spießer ist vielleicht ein paar Jahre jünger, aber alles in allem doch sehr artverwandt mit dem scheinbar nicht aussterben wollenden Urtypus, den man als Hüter aller Gartenzwerge im Hinterkopf hat.

Ich pflichte Rickens bei, dass zugebretterte , rückwärtsgewandte Denkansätze in unserer vernetzten Welt einfach lachhaft sind und man das Rad der Liberalität und Individualisierung langfristig ohnehin nicht zurückdrehen kann. Insofern wird man eine tatsächlich ernstzunehmende Renaissance der Gartenzwergmentalität nicht befürchten müssen. Gehen wir also über das derzeit aufflackernde Phänomen gelassen hinweg und lassen und nicht verärgern!
Empfehlenswert!

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