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Rezension:Das Wochenende (Audio CD)

Dies ist der erste Roman, den ich nicht gelesen, sondern gehört habe. Die sonore, auf feine Nuancen achtende Stimme von Hans Korte hat die Hörstunden zu einem besonderen Vergnügen gemacht, auch wenn der Inhalt des Buches ein sehr trauriger ist. Worum geht es in Schlinks neuem Roman?

Der Terrorist Jörg hatte sich des mehrfachen Mordes schuldig gemacht. Nach 20 Jahren Haft wird er begnadigt. Seine ältere Schwester Christiane, die sich ein Leben lang um ihren Bruder intensiv gekümmert hat, lädt alte Freunde in ihr Haus auf dem Land ein, um Jörg zu zeigen, dass er von diesen nicht vergessen worden ist. Frühe Freundschaft hat ein Recht auf lebenslange Loyalität, so der Tenor.
Eine Lehrerin, eine Bischöfin, ein Journalist, ein Jurist, auch ein Besitzer eines Dentallabors zählen zum Kreis der frühen Freunde. Diese Leute haben alle das 50. Lebensjahr überschritten. Sie kennen sich seit Uni-Zeiten.

Damals waren sie politisch aktiv. Später dann sind sie bürgerlichen Brotberufen nachgegangen und haben trotz revolutionärer Vergangenheit keine Probleme damit das Leben im gehobenen Bürgertum auszukosten, Champagner und Bordeaux zu genießen und sich dabei in wohltemperierten, intellektuellen Gesprächen über eine bessere Welt auszubreiten. Der aus dem Gefängnis kommende Jörg ist ein Fossil längst vergangener Zeiten. Seine Erfahrungen der letzten 20 Jahre sind wenig erbaulich.

Man spricht von diesem Gestern, aber auch von Sartre, von Marcuse, von Deep Purple, vom Sommer der Anarchie , vom linken Projekt und davon , dass ein Terrorist es nicht aushalten kann im Exil zu leben. Er bombt sich, stattdessen in seine vermeintliche Heimat. Diese Heimat sind seine ideologischen Träume, während das Exil das reale Leben ist, das er nicht bereit ist anzunehmen.
Der Sohn Jörgs, der auch anwesend ist, verachtet seinen Vater wegen seiner Lebenslügen und macht deutlich, dass zwischen der Gewalt der Akteure von damals und der Gewalt der Vorgeneration in der NS-Zeit kein großer Unterschied besteht. Die Fähigkeit zu trauern und die Wahrheit auszuloten haben beide Generationen im Nachhinein nicht erlernt. Stur wird auf alten Ideologien beharrt.

Jörg verteidigt sein Tun von einst. Er hat sich stets als Kriegsgefangenen betrachtet, weil er, wie er sagt, gegen den Vietnamkrieg, die Armut in Afrika und die alten Nazis, die sich wieder in Amt und Würden befunden haben gekämpft hat. Jörg vertritt die Ansicht, dass der Kampf, wenn er zu Sieg geführt hätte, auch die Opfer gerechtfertigt hätte.Der Mangel an Empathie in dieser Aussage spricht Bände. Über diesen und andere Gedanken ereifern sich die Freunde bei ein paar Flaschen Bordeaux, mittlerweile wissend , dass Jörg nicht mehr lange leben wird, weil er Prostatakrebs hat und eigentlich nur aus diesem Grunde das Gnadengesuch eingereicht hat. Er wollte die Natur noch mal erleben. In der Abgeschiedenheit des Gefängnisses konnte Jörg sich letztlich nicht von den alten Ideologien lösen. Das Gefängnis verhinderte, dass er sich neu orientierte. Die Zeit war für ihn stehen geblieben. Die Gewalt, die er anderen antat, vernichtete ihn am Ende selbst.


Ein empfehlenswertes Hörbuch!





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