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Die Wahlverwandtschaften. Ein Roman von Johann Wolfgang von Goethevon Johann Wolfgang von Goethe

"Die Menschen sind nicht nur zusammen, wenn sie beisammen sind, auch der Entfernte, der Abgeschiedene lebt in uns."" ( Goethe),

Der Interpretation bestimmter chemischer Formeln auf soziale und moralische Verhältnisse entsprechend, mischen und trennen sich die zwei im Mittelpunkt des Romans stehenden Paare. Die chemischen Erkenntnisse übrigens hat Goethe zeitgenössischen Lehrbüchern entnommen, sehr wahrscheinlich angeregt durch Schelling, dessen " Ideen zur Naturphilosophie" stark von der Hoffnung der zeitgenössischen Wissenschaft bestimmt sind, in welcher Chemie eine vereinheitlichende Prinzipienlehre für die Deutung aller Naturphänomene zu finden vermögen.

Ebenso zeittypisch wie die Deutungsform sind auch Stoff und Thema: Liebesbeziehungen zwischen vier Personen, die Komplikationen ehelicher Beziehungen, der eklatante Widerspruch zwischen Herzensneigung und Sittengesetzen der bürgerlichen Gesellschaft. Die Individuen geben sich nicht bloß Illusionen hin über das gesellschaftlich Mögliche, vielmehr mutet dieses Individuelle selbst als etwas höchst Fragwürdiges, ja Illusionäres an.

Die Erstorbenheit der Beziehungen untereinander wird zu Beginn des Romans durch die freundlich arkadische Szenerie einer aufgeklärten und kultivierten Gesellschaft, durch ein Übermaß an Takt, Diskretion und Freundlichkeit verdeckt. All zu behend erliegt deshalb die Ordnung des Schicklichen und des Takts dem Dämonischen, welches über sie kommt. Gerade dieses, was die Personen unternehmen, um sich vor der bedrohlichen Natur und voneinander in Sicherheit bringen, befördert das Unheil.

So illusionär wie die taktvolle Harmonie der ehelichen Verhältnisse ist letztlich auch die aus seiner Auflösung sich ergebende Liebesbeziehung Eduards und Ottiliens. Auch diese natürlich anmutende Beziehung ist nur zum Schein Naturverhältnis. Wie alles, was in den Bannkreis der Ereignisse gerät, entgleitet es ebenfalls wenig später ins Monströse. Eduard Anstrengungen verpuffen wie sein Feuerwerk und die eingebildete Vereinigung mit der Geliebten, weil sie letztlich maßlos ist. Seinem dilettantischen Bemühen nach dem Unendlichen, seiner Neigung, die Phantasie als einen Lebensersatz zu missbrauchen, ist Ottiliens Entsagung entgegengesetzt.

Alles Geschehen in de Wahlverwandschaften vollzieht sich ausschließlich in der Sphäre des Seelenhaften. Die Treue wird nur in der Fantasie gebrochen. Weil Ottilie bis zum Ende unberührt bleibt, hat sie die Aura einer Heiligen in der Kirche.

Eines meiner Lieblingsbücher von Goethe, dessen filmische Umsetzung Wahlverwandtschaften [VHS] ich an dieser Stelle auch empfehlen möchte.














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