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Rezension : Georges Seurat: Figure dans l'espace von Kunsthaus Zürich

" Kunst ist Harmonie. Harmonie, das ist die Analogie der Gegensätze, Analogie des Ähnlichen; Analogie von Ton, Farbe, Linie,..,

....begriffen durch das Überwiegen und unter dem Einfluss eines Farblichts aus heiteren, traurigen oder ruhigen Kombinationen...Heiterkeit:= Dominante des Lichts, der warmen Farben, die über die Horizontale steigende Linie; Ruhe:= Gleichgewicht des Hell-Dunkel, der warmen und kalten Farben, die Horizontale; Trauer:= Dominante des Dunkeln, der kalten Farben, die sinkende Linie." ( Zitat: George Seurat)

Aus der Perspektive «Figur im Raum» präsentiert das Kunsthaus Zürich vom 2. Oktober 2009 bis 17. Januar 2010 einen der Väter der Modernen Kunst, den Impressionisten Georges Seurat. Der Weggefährte von Cézanne und van Gogh erfüllte die vom freien Farbauftrag existentierende Malerei mit wissenschaftlicher Präzision. Wo nichts war als Licht und Atmosphäre entwickelte er rationale Dialoge zwischen Figuren und dem sie umgebenden Raum. Von dieser Leistung zeugen die mehr als 60 hochkarätigen Gemälde und Zeichnungen, die aus bedeutenden öffentlichen und privaten Sammlungen aus London, Paris, New York und Washington die derzeit Zürich gezeigt werden. Das vorliegende Kunstbuch ist der Katalog zur Ausstellung.

Neben einem hochinformativen Vorwort enthält dieses Buch vier Essays:

1) Julia Burckhardt Bild: George Seurat. Eine Biographie

2) Wilhelm Genazino: Herumstehen, herumsitzen, herumliegen. George Seurats trügerische Idyllen

3) Gottfried Boehm: Kaltes Feuer. Figur und Landschaft bei George Seurat

4) Michelle Foa: Der Raum in der Malerei und in der Wahrnehmung. Seurat und Helmholtz

Das Nachwort thematisiert Seurats Eifelturm.

Das Kunstbuch enthält 113 farbige Abbildungen.


Der französische Maler George Seurat (1859-1891) war der Hauptbegründer des Pontillismus. Darunter versteht man eine aus dem Impressionismus entwickelte spezifische Maltechnik, bei der die Farbe nicht in geschlossenen Flächen, sondern als System rasterartiger Punkte und Striche auf die Leinwand aufgetragen wird. Die aus den Grundfarben bestehenden Tupfer werden erst durch das Auge des Betrachters gemischt, wodurch der Eindruck verschiedener Abstufungen entsteht und der Bildaufbau erkennbar wird. Da die Technik also in einer Zerlegung der Farbe in kleinste Farbpartikelchen aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse über Komplementärkontraste etc. besteht, wird sie auch Divisionismus bezeichnet.

Seurat trat mit achtzehn Jahren in die École des Beaux -Arts ein. Er arbeitete in der Werkstatt von Henri Lehmann und bildete sich ab 1879 autodidaktisch weiter. Bei Poussin entdeckte er die genaueste Organisation des Bildplans, ein System des Räumlichen, welches Seurat aus Helldunkelkontrasten hintereinander liegender Schichten nachzugestalten versuchte. Dieses Herausarbeiten einer bildimmanenten Formgeometrie zwang zu disziplinierter, flächiger Schichtenkonstruktion des Bildes.

Große Ausdruckskraft erlangten in dieser strengen Bildarchitektur sofort die Diagonalbewegungen der Linie. Sie wurden zu Ausdrucksarabeseken, die auf inhaltliche Dimensionen hinzielten.

Aus Michel Eugène Chevreuls "De la loi des contrastes simultanées des couleurs" lernte er die Gesetze der Simultankonstraste und der Veränderlichkeit der Farben bei wechselnder Distanz kennen. Unterschiedliche Lektüre führte bei Seurat schon früh zu einer ausgesprochenen Systematik seines bildnerischen Denkens und zu dem Entschluss, eine Bildtotalität herzustellen, in der Farbe wie bei den Impressionisten eigengesetzlich betont und die Form vollkommen wie bei Ingres und Poussin sein sollte.

Als Vorarbeit entstanden ab 1880 Zeichnungen, in denen mit dichten parallelen Strichen Schatten erzeugt wurden, die sich durch betont feine Übergänge erneut mit den weißen Flächen zu einem einheitlichen Bildorganismus zusammenfügten. Die in späteren pointillistischen Werken durch kleine und regelmäßig nebeneinander gesetzte Farbtupfen vorgespiegelte atmosphärische Bewegung ist hier schon durch das Korn des Papiers gegeben. Seurat vermochte an damals bereits erschienenen Fototoreproduktionen dieselben Prinzipien der Bildkonstituierung aus einem Agglomerat feinster Rasterpunkte zu beobachten, auf welche er in seinen Zeichnungen abzielte.

1883 stellte der Künstler zum ersten Mal im Salon aus und begann mit seinem ersten großen Werk "Badeplatz in Asniéres" ( S. 73), das er durch viele gezeichnete oder gemalte Studien vorbereitet hatte. Dieses Werk mit großen, glatten Tupfen, die eng aneinanderliegend eine eigentümliche Oberflächenvibration hervorrufen, gemalt und kompositioniell entlang einer einzigen Diagonalperspetive aufgebaut, wurde 1884 im Salon zurückgewiesen. Daraufhin gründete Seurat mit anderen, ebenfalls zurückgewiesenen Künstlern die "Societé des Artistes Indépendants" und stellte noch im gleichen Jahr im Salon des Indépendants aus. Dieses Datum bezeichnet die Geburtsstunde des Pointillismus. Der "Badeplatz in Asnières" war das erste Bild , das nach wissenschaftlichen Regeln des Pointillismus gemalt worden war, d.h. nach den Prinzipien der additiven Farbmischung. 1884-86 schuf der Künstler seine zweite große, wohl berühmteste Komposition "Sonntagnachmittag auf der Insel la Grande Jatte" ( S. 80), das sich als Programmwerk der neuen Schule und als notwendige Folge des Impressionismus verstand, letztlich aber dessen Überwindung einleitete.
In Seurats Ästhetik ruft eine ikonografisch bedingte enge Verschmelzung heterogener Elemente nach einem formalen Ordungsgefüge aus Rhythmus, Gleichmaß und Kontrast. Das Bild tritt als Form- und Ausdrucksgefüge in Gegensatz zum naturalistischen Gemälde, zur Momentfotografie, zur Illustration. Es geht also bei Seurat um das autonome Bild.

1885 schuf der Künstler weitere exemplarische Bilder, wobei die großen Formate Themen mit Figurenszenen vorbehalten blieben." Die Zirkusparade", aus dem strengen Zusammenspiel von Horizontalen und Vertikalen entwickelt, folgen im Sommer 1886 in Honfleur Bilder mit geometrisierenden Darstellungen wie etwa "Der Hafen von Honfleur". S. 101) etc.

Seurats Landschaftsbilder sind alle in kleinem Maßstab gehalten, wobei der streng geometrische Bildaufbau sich mit heller, heiterer , duftiger Farbgebung verbindet. Die gezeigten Werke machen dies nachhaltig deutlich.

Kurz vor seinem Tod hat Seurat übrigens eine knappe Zusammenfassung seiner Theorien für seinen ersten Biografen, Jules Christophe, fixiert, die aus einem Kapitel über Ästhetik und einem über künstlerische Technik besteht.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Seurats Gemälde, die sich dadurch auszeichnen, dass hier nicht selten schemenhaft, entfremdet wirkende Figuren im Kontrast zur Landschaft stehen und auf diese Weise subtile Spannung erzeugen, von großer Tragweite für die Zukunft der modernen Kunst waren.

Ein gelungener Kunstband, mit qualitativ ausgezeichneten Bildern.

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