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Rezension: Lea- Pascal Mercier

Die Seele , filigran, kostbar, zerbrechlich, wie edles Porzellan!,

Kennen Sie das auch: dass die Phantasie im entscheidenden Augenblick abirrt und eigene, unbeherrschbare Wege geht, die verraten , dass man auch noch ein ganz anderer ist, als der , für den man sich hielt? Gerade dann, wenn in der Seele alles geschehen darf, nur dieses eine nicht: Verrat durch streunende Phantasie?"

Diese Frage stellt Martijn van Vliet dem Ich-Erzähler Adrian Herzog. Die beiden haben sich zufällig in einem Cafe in San Remy in der Provence kennen gelernt. Drei Tage verbringen sie zusammen. In diesen drei Tagen, geprägt durch langes Erzählen, berichtet van Vliet über eine Zeitspanne von 13 Jahren und dem , was sich in seinem Leben damals Tragisches ereignet hat.

Als van Vliets Frau zu Beginn der Erzählzeit stirbt, ist seine Tochter Lea gerade acht Jahre alt und findet aufgrund der Trauer um ihre Mutter keinen Zugang mehr zu ihrer Umwelt.

Die Sprachlosigkeit ihres hoch gebildeten Vaters in emotionalen Angelegenheiten lässt Lea beinahe traumwandlerisch nach einem Ventil suchen, um so ihren Kummer zu vergessen.

Die beinahe sakrale Violinenmusik Bachs soll lange Zeit für sie dieses Ventil sein.

Nachdem das Kind eine Straßenmusikantin eine Violinenpartie Bachs spielen hört und hierdurch ein Erweckungserlebnis hat, erkennt sie , dass auch sie das Geigenspiel erlernen möchte.

Ihr Vater begreift alsbald das unbeirrbare Wollen der Tochter. In den folgenden Jahren wird dies immer deutlicher nach außen treten. Bedingungslos ordnet er sich dem fatalen Wollen unter.

Leas Wille ihrer ungewöhnlichen Begabung gemäß zu leben und zu agieren, wird von ihrem Vater von Anfang an nicht nur akzeptiert, sondern auch gefördert und lässt ihn schließlich selbst vor kriminellen Handlungen nicht zurückschrecken.

Für van Vliet bedeutet sein Engagement der Tochter gegenüber letztlich auch die Chance seine tote Frau mental am Leben zu halten, da er sie abgöttisch geliebt hat. Lea ist das Bindeglied zu ihr. Ihr kann er keinen Wunsch abschlagen. Dabei erkennt er letztlich allerdings nicht die wirklichen Wünsche und Sehnsüchte der vereinsamten Tochter.

So fügt sich der in psychologischen Belangen unbedarfte Vater " der Tyrannei ihrer Begabung"( vgl. Seite 32).

Lea übt und übt, hat die besten Lehrer, eilt von Erfolg zu Erfolg.

Jetzt muss van Vliet verwirrt feststellen, wie ihm die Tochter entgleitet, sich als nunmehr volljähriges Mädchen in einen berühmten , bereits in die Jahre gekommenen Musiker verliebt, von dem sie unterrichtet wird und der sie in ihrem Können beflügelt.

Als dieser Mann eine altersadäquate Frau zu heiraten beabsichtigt, bricht für Lea die Welt zusammen.

Sie verfällt in eine sie lähmende Depression und damit in den gleichen Zustand, durch den sie bereits nach dem Tod ihrer Mutter von der Außenwelt abgeschnitten war.

Ihre Seele ist erneut erkrankt, sie kann nicht mehr spielen, die Tragödie nimmt ihren Lauf...


Mercier lässt den Leser in die Welt der kostbaren Violinen eintauchen, lotet einen Vater-Tochter-Konflikt psychologisch einfühlsam aus, reflektiert den Begriff des Willens , den der künstlerischen Begabung und zeigt, dass diese sich offenbar nur dann voll entfalten kann, wenn sie eingebettet und getragen wird von der Liebe zur Sache selbst oder durch ein beflügendes Liebesobjekt.

Lea, die begabte Musikerin ist wie alle Künstler zerbrechlich und besteht aus vielen seelischen Schichten. Sie lebt, wie ihr Vater zu spät erkennt, auf verschiedenen Plateaus.

In - dem inneren Drama , das sich in Lea entfaltet, gab es Brüche und abrupte, ruckartige Veränderungen, die ein besonders grelles Licht auf die Tatsache warfen, dass die Seele vielmehr ein Ort des Geschehens als des Tuns ist -.

Während des Lesens musste ich fortwährend an Platons Schrift " Phaidros" denken. Dessen Vorstellungen von der " beflügelten Seele" scheinen Merciers Text zugrunde zu liegen. Wunderbar!

Eine gelungene psychologisch-philosophische Novelle, deren Hauptaugenmerk auf der Verwundbarkeit der Seele eines Menschen liegt!



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