Trostbriefe aus fünf Jahrhunderten von Otto Heuschele

Ncht in der Blüt und Purpurtraub ist heilige Kraft allein, es nährt das Leben vom Leide sich. (Zitat: Hölderlin)

Unsere Sprache versagt oft genau in dem Moment, wo Menschen vor ihrem größten Leid überhaupt stehen, vor dem Verlust eines geliebten Menschen. Meist geht es über flüchtige Worte des Beileids nicht hinaus, wir haben nicht gelernt, tiefen Trost zu geben bzw. diesen in Worte zu fassen. Unsere Vorstellungskraft versagt vor dem Unglaublichen, dem vermeintlichen Ende des Seins. Aber ihr sind auch zu wenig Fassungen gegeben, wenn wir anderen in ihrer Not oder Krankheit beistehen müssen, wobei Worte gerade hier ihre stärkste, auch heilende Kraft entfalten können.

Diese Sammlung wurde 1940/41 zum ersten Mal aufgelegt und war schnell vergriffen, obwohl Deutschland damals im Zenit der vermeintlichen Macht stand. Einer Neuauflage wurde dann nicht zugestimmt, weil die Zensur des Regimes meinte, "das deutsche Volk habe keinen Trost notwendig." Bei der Neuauflage nach dem Krieg kamen dann erschütternde Dokumente des Leids hinzu, wobei mich der Brief eines unbekannen Soldaten aus Stalingrad zur Weihnacht 1942 besonders erschütterte: "Es gibt viele Altäre auf der Welt, aber einen ärmeren als hier nicht. Gestern waren noch Flakgranaten in der Kiste, über die heute meine Hand den feldgrauen Waffenrock eines toten Kameraden hing, dem ich am Freitag in diesem Raum die Augen schloss."

Mozart, Schiller, Friedrich der Große, Lessing, Goethe, Hölderlin, Kleist, Schleiermacher, Grimm, Stifter, Hans Thoma - zu diesen bekannen Namen als Trostspender gesellen sich weitere, eher weniger geläufige Namen, denen allen der Trost ein ganz besonderes Anliegen ist. Am Ende steht der bewegende Abschiedsbrief von Klaus Bonhoeffer an seine Kinder (Ostern 45): "Ich wünsche Euch, dass Ihr, solange ihr jung seid, recht viel im Lande wandert und es in vollen Zügen und mit offenen Sinnen in euch aufnehmt."

Von Goethe sind 4 Trostbriefe abgedruckt. Man muss wissen, dass Goethe Zeitlebens nie auf einer Beerdigung war, sich dieser tiefen Leidproblematik entzogen hat. Freilich nur, um umso tiefer im Jetzt zu leben und die Schönheiten zu genießen. In einem Brief zeigt er sich sogar so entrüstet, dass es ihn danach drängen könnte, einen neuen Werther zu schreiben. Ansonsten schreibt er eher Allgemeinheiten, ja er geht dazu über, sein aktuelles Leben exemplarisch zu beschreiben, um damit den einzigen Trost zu spenden, den es nach ihm gibt: weiterleben, in aller Normalität, dem Schönen zugewandt.

Ganz anders, tiefer, Schiller, schon in der Eröffnungs mitfühlender: "Noch ganz betäubt von der traurigen Nachricht, die Sie mir geben, setze ich mich, Ihnen zu schreiben." Er denkt sich in die trauernde Person ein und spendet ihr wirklichen Trost, indem er eine Brücke, einen Halt zum noch Lebenden baut: "Alle Liebe, die mein Herz ihr gewidmet hatte, will ich ihr in ihrem Sohn aufbewahren." Er erneuert die Freundschaft und sagt: "Wir sind schon längst durch die zärtlichste Freundschaft gebunden; lassen Sie uns dieses Band mit brüderlicher Herzlichkeit fortsetzen und womöglich noch fester knüpfen." Er lädt ein und bietet an: "Vor allen Dingen aber, liebster Freund, kommen sie hierher in unsre Arme. Sie brauchen Mitteilung, Beruhigung, Zerstreuung. Finden Sie sie bei uns."


Ein unvergleichlich empfindsamer Mitfühler ist Hölderlin, der in seinem Brief an seine Schwester zum Tod Ihres Mannes Zeilen findet, die mich auch heute noch tief berühren, ebenso wie der Brief von Diotima an ihn. Sie formuliert dort: "Es bleibt uns nichts übrig, als der seligste Glaube aneinander und an das allmächtige Wesen der Liebe, das uns ewig unsichtbar leiten und immer mehr und mehr verbinden wird." Am Ende dann: "Lieber! sei wieder ruhig, sei heiter und bringe mir das einzig selige Gefühl, dass du zufrieden bist."
Diese Trostbriefe machen eindrücklich klar, dass wir uns jeden Tag trösten und aufbauen sollten, nicht nur im Leid. Sehr zu empfehlen, um in allen Wechselfällen des Lebens das richtige Maß zu finden.

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