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Rezension: Alles umsonst- Walter Kempowski

Nichts ist, das ewig sey, kein Ertz, kein Marmorstein ( Andreas Gryphius)

Walter Kempowski versucht in seiner fiktiven Romanhandlung das Lebensgefühl der Menschen auf einem ostpreußischen Gut im Winter 1945 einzufangen.

Die Front ist etwa hundert Kilometer weit entfernt vom " Georgenhof" , aber man hält es nach wie vor nicht für möglich, dass man Ostpreußen für immer verlassen muss. Noch glaubt man an den "Endsieg", obgleich die Rote Armee bereits den Norden des Landes erreicht hat und die Menschen schon in Massen vor den Soldaten fliehen.

Die Gutsherrin Katharina von Globig flieht auch und zwar in ihre Traumwelten. Sie liest die jüdischen Schriftsteller Stefan Zweig und Jakob Wassermann, ohne zu wissen, dass deren Bücher im Nazideutschland verboten sind. Katharina ist völlig unpolitisch.

Ihr Sohn Peter wird von einem Hauslehrer ausgebildet. Peter begreift wohl mehr als seine Mutter in welchen Zeiten sie leben.

Eine alte ,aus Schlesien kommende Tante versucht dem Nationalsozialismus auch gute Seiten abzugewinnen, aber im Grunde weiß sie ebenfalls nicht, wo sie politisch steht. Durch alle Köpfe wabern nicht selten zum Durchhalten anregende Sinnsprüche aus dem 19. Jahrhundert, die das , was sich 1945 ereignet, auf merkwürdige Art trivialisieren. Die Gutsbewohner fühlen sich überfordert und flüchten in die Irrealität.

Man liest von ukrainischen Hausmädchen und Zwangsarbeitern, die bei von Globig ihre Dienste verrichten. Gewalt allerdings ist kein Thema.

Man denkt an die napoleonischen Kriege, auch an den ersten Weltkrieg und ist überzeugt , dass man auch diesen Krieg überstehen wird.

Der missgünstige Oberwart Drygalski, ein desorientierter Nazi, wirkt wie ein Mutant in der hier dargestellten, scheinbar noch heilen Welt. Mit diesem destruktiven Kontrolleur möchte keiner etwas zu tun haben.

Vages hat man gehört über die NS- Soldaten, die in Russland furchtbar gewütet haben sollen. Man malt sich die Gräueltaten jedoch nicht aus, verdrängt das Gehörte stattdessen. Man möchte nicht darüber nachdenken, welche Konsequenzen diese Verbrechen nach sich ziehen könnten.

Flüchtlinge aus den baltischen Staaten und aus dem Norden Ostpreußens wohnen nun vorübergehend auf dem Gut , mit dem Ziel möglichst rasch gen Westen zu gelangen.

Frau von Globig zögert das Anwesen zu verlassen. Sie lässt sich vom ortansässigen Pfarrer überreden einen jüdischen Flüchtling für eine Nacht zu beherbergen und wird daraufhin verhaftet. Als die Russen näher rücken , entscheidet sich die Familie ohne die Gutsherrin übers zugefrorene Haff zu fliehen.

Kempowski schildert die Geschehnisse während der Flucht , sowie das Ende dieser ostpreußischen Familie präzise und distanziert, beinahe emotionslos.

Peter von Globig gelangt , wie durch ein Wunder, auf das letzte Schiff und wird gerettet.

Kempowski verdeutlicht , dass Feststellungen , wie etwa " Alles umsonst" oder Fragen , wie zu Ende des Romans gestellt, ob nun alles wieder gut sei, für den Chronisten letztlich unerheblich sind.

Der Autor überlässt es dem Leser sich ein Bild zu machen und zu hinterfragen, wie es zu dem Desaster in Ostpreußen , das in das Massengrab des Kurischen Haffs führte, kommen konnte.

Ich habe dieses Buch mit großem Interesse gelesen, insbesondere weil mich interessiert hat, ob das Lebensgefühl von Kempowskis Protagonisten während des Winters 45 sich mit dem deckt, was meine ostpreußischen Vorfahren mir erzählt haben. In Vielem gibt es tatsächlich Überschneidungen.

Mein Großvater allerdings ist mit seiner Familie nicht vor den russischen Soldaten geflohen, sondern hatte sich entschieden auf dem Hof auszuharren.

Ende 45 wurde die Familie schließlich vertrieben. Ein Zeitfenster hatte sich geschlossen.

Ich glaube nach wie vor , dass die Entscheidung meiner Großeltern ihnen und ihren Kindern das Leben gerettet hat.

Empfehlenswert.

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