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Rezension: Anklage Vatermord

Der alte Rechtsgrundsatz "in dubio pro reo" wurde im Prozess gegen den hochintelligenten, jüdischen Studenten Philipp Halsmann während der späten zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts unbeachtet beiseite geschoben. Obgleich man dem jungen Mann, der immer wieder seine Unschuld beteuerte , kein wirkliches Tatmotiv nachweisen konnte, wurde er, aufgrund einer höchst fragwürdigen Indizienlage, des Mordes an seinem Vater angeklagt und rechtskräftig verurteilt.

Zum Zeitpunkt des Prozesses herrschte in Innsbruck, wo der Fall verhandelt wurde, bereits ein sehr antijüdisches Klima, das sich in lokalen Presseberichten zur Sache unmissverständlich niederschlug und zu entsprechend unbilliger Vorverurteilung des Angeklagten führte. Gutachter, Staatsanwälte, Richter und die Geschworenen waren in der Folge in ihrem Urteil nicht mehr unparteiisch, wie der von Martin Pollack hervorragend recherchierte Roman zeigt. Der Prozessverlauf dokumentiert sehr deutlich, dass man hier faktisch zwar Philipp Halsmann, in Wirklichkeit jedoch dem so genannten "jüdischen Intellektualismus" den Prozess machen wollte.

Nachdem bedeutende Geistesgrößen, wie etwa Albert Einstein, Sigmund Freud, Erich Fromm, Thomas Mann, Jakob Wassermann und viele andere mehr öffentlich gegen das ergangene Urteil intervenierten, wurde Halsmann seitens des damaligen österreichischen Bundespräsidenten 1930 begnadigt. Das Stigma " Vatermörder" zu sein behielt Halsmann allerdings bis zu seinem Lebensende, da man ihn auch später nicht rehabilitierte.

Rechtskräftig verurteilt, durfte der Begnadigte sein Studiumin Dresden nicht mehr zu Ende führen. Notgedrungen gründete er in Paris daraufhin eine neue Existenz als Photograph, die ihm in dieser Mode-Metropole rasch großes Ansehen einbrachte. Aber Halsmann musste auch Paris bald wieder verlassen, da nach der Okkupation der Stadt, seitens der Nazis, der jüdischen Bevölkerung und damit auch Philipp Halsmann bekanntermaßen unsägliches Unheil drohte. Albert Einstein verhalf dem Schwergeprüften, quasi in letzten Minute, zu einem Visum in die USA, wo Halsmann 1979 als wohl einer der erfolgreichsten und berühmtesten Photographen des letzten Jahrhunderts verstarb.

" Anklage Vatermord" ist ein sehr gut geschriebenes, tief bewegendes Buch, das über die Borniertheit von Menschen, über die Fragwürdigkeit von Indizienprozessen und über die Verblendung, selbst geistig ausgebildeter Personen geradezu paradigmatisch Aufschluss gibt.

*im Zweifelsfalle zugunsten des Angeklagten





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