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Rezension: Das Attentat- Mulisch

Fatales Wegducken

Harry Mulisch verdeutlicht in diesem Roman die Bedeutsamkeit des organisierten Widerstandes gegenüber politischer Tyrannei jedwelcher Art. Zudem zeigt der Autor, dass Verzagtheit im Hinblick auf despotische Strukturen letztlich dazu führen kann, in ethisch bedenkliche Situationen zu gelangen und schließlich, dass angstvolles Wegducken kein wirksamer Garant ist für die Sicherheit der eigenen Existenz.

Der Anästhesist Anton Steenwijk hat im Herbst 1981 auf einer Friedensdemonstration in Amsterdam gewissermaßen ein Erweckungserlebnis. Er protestiert dort gemeinsam mit Zehntausenden gegen die fragwürdige Abschreckungsphilosophie der Atomwaffentyrannei. Durch einen kollektiven Angstschrei erwacht Anton endlich aus seiner inneren Lähmung, die entstanden ist durch ein furchtbares Kriegserlebnis während seiner Kindheitstage.

Was war geschehen? Anfang 1945 ist Holland immer noch von den Deutschen besetzt. Kollaborateure gehen gemeinsam mit den Nazis gegen die Zivilbevölkerung vor. Es herrscht Terror. Anton lebt gemeinsam mit seinem älteren Bruder und seinen Eltern - zurückgezogen - in einem idyllischen Villenviertel in Haarlem. Man befasst sich mit altphilologischer Problematik. Als auf der Straße vor besagten Häusern seitens der Widerstandskämpfer ein besonders sadistischer, holländischer Faschist hingerichtet und dessen Leiche dort zurückgelassen wird, versperrt Anton aus Furcht vor dem, was kommen wird, die Türen der elterlichen Wohnung.

Lange dauert es nicht, bis die Nazis, durch die Schüsse aufmerksam geworden, vor Ort sind, den Toten auf der Straße vorfinden und daraufhin mit einem willkürlichen Akt der Vergeltung, die üblichen Terrormaßnahmen einleiten. Antons Eltern und dessen Bruder werden erschossen und das familiäre Anwesen dem Erdboden gleichgemacht. Anton wird verhaftet, später dann zu seinem Onkel nach Amsterdam gebracht. Dort wächst er auf, studiert Medizin und möchte viele Jahrzehnte lang von den grauenvollen Geschehnissen in Haarlem nichts wissen. Er verdrängt. Der Zufall will es, dass immer wieder neue Mosaiksteinchen für das von ihm ungeliebte Puzzlespiel der Erkenntnis auftauchen und an ihn herangetragen werden. Wie er damit umgeht, erfährt der Leser im Laufe der äußerst subtil aufgebauten Handlung.

Nochmals, die Botschaft des Autors ist eindeutig: Angst- und Ohnmachtsgefühle gegenüber einer despotischen Obrigkeit dürfen nicht im Wegducken und Schweigen enden. Gemeinsame Aktivitäten sind sinnvoll, wenn es gilt undemokratische, inhumane Verfahrensweisen anzuprangern und diesen mit verstärkten Kräften, nach Möglichkeit frühzeitig, Einhalt zu gebieten.

Mulisch verdeutlicht in dieser Parabel dezidiert, dass sich ein mündiger Bürger seiner Verantwortung nicht entziehen kann.

Ein nachdenklich stimmender Text, eines hervorragenden Schriftstellers.





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