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Rezension: Die letzte Zarin

Eine zweite Marie Antoinette


Die promovierte Historikerin C. Erickson analysiert im vorliegenden Buch die Ursachen, die zur russischen Revolution von 1917 und in diesem Zusammenhang zum Ende des Zarenreichs geführt haben.

Plattform der Untersuchung bildet die Lebensgeschichte der aus Darmstadt stammenden, letzten russischen Zarin, Alexandra Fjodorowna, die zum Ende des vorvergangenen Jahrhunderts ihren Cousin Nikolaus zum Gatten erwählte.

Alexandra , genannt Alix, eine Enkelin der eigenwilligen Königin Victoria von England war laut Erickson eine attraktive , intelligente , willensstarke, junge Frau, die stets von einer Vielzahl von Verehrern umgeben war.

Trotz religiöser Vorbehalte entschied sie sich für den farblosen, passiven, intellektuell nichtssagenden Nicky ( laut Erickson aus emotionalen Gründen).

Nachdem ihr Schwiegervater - kurze Zeit nach ihrer Eheschließung mit Nikolaus - verstarb, wurde sie an der Seite ihres Gatten Zarin von Russland.

Nikolaus fehlten die essentiellen Fähigkeiten, um ein absolutistisches Reich zu regieren. Er war entscheidungsschwach, unsicher, ohne Machtinstinkt und delegierte seine Aufgaben gerne an Dritte, um stattdessen lieber ein unbeschwertes , aufwendiges, hedonistisches Privatleben zu führen.

Die Romanows waren steinreich, wie die Autorin anhand unzähliger Fakten dokumentiert. Alexandra zeigte während der ersten Ehejahre ihren neuerworbenen Luxus gerne durch Prachtentfaltung nach außen. Das allerdings machte sie beim Adel und im Volk unbeliebt. Hinzu kam bei ihr ein krankhafter Ordnungszwang, den sie über ihre Dienerschaft gnadenlos auslebte.

Man verdächtigte die wenig geschätze Deutsche alsbald subversiver Machenschaften und einer mangelnden Liebe dem russischen Volk gegenüber, dem sie stets sehr unterkühlt und herrisch entgegentrat. Dass Alexandra möglicherweise auch positive , verborgene Eigenschaften haben könnte, mochte keiner so recht glauben.

Während es sich die Romanows und der Adel gut gehen ließen, hungerten die Bauern und Industriearbeiter und lebten in erbärmlichen Zuständen. Hierdurch wurden immer häufiger die Forderungen nach politischer Veränderung laut.

In dieser Zeit gebar Alexandra vier Töchter, um die sie sich wohl intensiv kümmerte. Der zur Thronfolge erforderliche Sohn blieb nach wie vor ein unerfüllter Wunsch.

Weil die Zarin ihrer eigentlichen Aufgabe - Söhne zur Welt zu bringen - nicht nachkam, lehnten die Russen sie noch heftiger ab.

Alexandra wandt sich ominösen Wunderheilern zu, um mit deren Hilfe einen Jungen zu gebären.

Als schließlich 1904 Alexej das Licht der Welt erblickte, stellte sich bald heraus, dass er mit einer von ihren englischen Vorfahren ererbten Krankheit belastet war( Alexej war Bluter) und die Thronfolge hierdurch langfristig in Frage stellte.

Der sibirische Wunderheiler Rasputin wurde nun der Schatten der Familie Romanow ,ohne den schon bald nichts mehr ging, weil er Alexandra davon überzeugt hatte, dass er in der Lage sei den Kronprinzen am Leben zu halten.

Die fatale Abhängigkeit zu Rasputin, dessen abgründiger Lebenswandel in Petersburg und die Gerüchte um eine absonderliche Beziehung zur Zarin schadeten den Romanows immer mehr.

Die Autorität des Zarenhauses wurde durch das irrationale Verhalten Alexandras, die sich aus der Hörigkeit zu Rasputin nicht befreien wollte, restlos untergraben.

Während dieser Zeit wurde Russland in den ersten Weltkrieg hineingezogen, der auf Seiten der Russen in den ersten beiden Jahren schon zu unsäglichem Leid führte. Unfähige Generäle , Soldaten, die barfuß im Schnee kämpften - zehn Mann teilten sich untereinander ein einziges Gewehr und hatten nur ein paar Kugeln- steigende Verluste und Lebensmittelknappheit ließen immer heftigere Unruhen im Volk entstehen, die zu Hunderttausenden auf die Straße gingen und das Ende von Korruption und der schwachen Herrschaft forderten.

Im März 1917 brachen anarchistische Zustände in Petersburg aus. Das gesamte Gesellschaftleben kam zum Erliegen. ( Über all dies schreibt Erickson detailliert und erhellend.)

Der desorientierte Zar dankte auch im Namen seines Sohnes ab. Die 300 jährige Herrschaft der Romanows war jetzt zu Ende.

Eine provisorische Regierung von Duma - Abgeordneten wurde gebildet, die später von den Bolschewiken, angeführt von Lenin , abgelöst wurde.

Der Zar und seine Familie wurden nach Sibirien verbannt.

Asyl bei Alexandras englischer Verwandtschaft lehnten die Windsors aus politischen Kalkül ab.

Als die so genannten "Weißen" , eine der alten Herrschaftform verbundene politische Bewegung in Sibirien erstarkten, entschlossen sich die Bolschewiken, um die Revolution nicht zu gefährden, die Familie Romanow zu töten und setzten ihren Entschluss im Juli 1918 in Jekatarinburg in die Tat um.

Deutlich wird, dass die Nichtbereitschaft zur politischen Erneuerung und Liberalisierung schließlich das Ende einer überkommenen und verkommenen Herschaftsform zur Folge hatte.

Alexandra Romanowa war im Grunde eine Neuauflage Marie Antoinettes, die für die letzte russische Zarin offensichtlich kein wirklich warnendes Beispiel dargestellt hat. Weshalb eigentlich nicht?


Empfehlenswert!





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