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Rezension: Houwelandt

In diesem Roman werden in erster Linie Vater-Sohn-Konflikte ausgelotet. Die alten Houwelandts leben im Süden Spaniens. Anlässlich des 80. Geburtstags ihres eigensinnigen, auf Distanz bedachten Gatten möchte Esther- entgegen ihrer Vernunft- ein Familientreffen arrangieren. Die Feier soll im Norden Deutschlands auf ihrem verwaisten Familiensitz stattfinden. Kinder und Enkel meiden seit langem schon den Kontakt zum Jubilar und dafür gibt es nachvollziehbare Gründe.

Im Laufe der vielschichtigen Handlung erfährt man, dass der alte Houwelandt - ein promovierter Mathemathiker- ein Leben lang ein liebesunfähiger Patriarch gewesen ist, der besonders von seinem ältesten Sohn wegen seiner Härte und Unnahbarkeit gehasst wird. Für den Alten ist das höchste Ziel im Leben das Ertragen von Schmerz. Strapazen auzuhalten, hart sein zu sich selbst und zu den anderen, Durststrecken zu überstehen und in der Erschöpfung nicht nachzugeben sind für ihn die Grundvoraussetzungen für einen starken Willen, ohne den man in seinen Augen nicht bestehen kann.

Die Qualen der Wehleidigen und Weinerlichen lassen ihn kalt. Mitleid hat er nur mit den Starken, mit denen, die den Schmerz besiegen. Für seinen Sohn Thomas, der sich seit Kindesbeinen den geforderten Situationen nicht stellt, sondern stets nur seinem Fluchinstinkt nachgibt, hat er nur Verachtung übrig. Als Folge seiner Verständnislosigkeit und Ablehnung ist Thomas ein gebrochener Mensch geworden, der sich nichts zutraut. Der Studienabbrecher, jahrelange Hausmann und liebevolle Betreuer seines Sohnes Christian lebt, nachdem ihn seine Frau verlassen hat, im Gesindehaus seiner Eltern.


Dies ist ein weiterer Diziplinierungsversuch des alten Houwelandt an seinem gedemütigten, von ihm ungeliebten Nachkommen, dem es im Leben um Erkenntnis geht und nicht um Macht oder die Spitze der Hackordnung. Der sich frei und geliebt fühlende Enkel Christian hat schon früh ein selbstständiges Leben angestrebt. Er erkennt, dass seine Eltern mit sich und der Welt überfordert sind. Als er, aufgrund des von seinem Vater konzipierten Manuskriptes - der Geburtstagsrede - erfährt, durch welche Kinderhölle Thomas gegangen ist, versteht er dessen Apathie, dessen Lähmung, dessen Stillstand.


Christian konstatiert: "Ein guter Vater musste in der Lage sein bedingungslos zu lieben, er musste einen Menschen anerkennen, der ihm in allen Belangen unterlegen ist. Er musste Geduld aufbringen, seine Umwege mit zu gehen, anstatt immer auf den schnellsten und kürzesten Weg zu drängen. Und er musste sein Scheitern und seine Hilflosigkeit genau so akzeptieren wie die winzigen Fortschritte." Christian weiß, dass sein Vater ihm alles verzeihen würde, weil er ihn liebte. Der alte Autist Jorge Houwelandt kann nicht lieben. Seine vermeintliche Stärke erweist sich als bemitleidenswerter Mangel, der ihm den Zugang zu seinen Nächsten verwehrt.

John Düffel setzt den alten Houwelandt offenbar bewusst in keinen historischen Kontext. Nazi sei dieser Stärkeverherrlicher nicht gewesen, aber er habe seine eigene Diktatur gehabt. Die fatalen sozialdarwinistischen Denkmuster allerdings lassen sich nicht ableugnen, Denkmuster, die so manch einem der 1968er Generation eine Kinderhölle beschert haben.






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