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Rezension: Kaiser, König, Edelmann-Herbert Schmidt-Kaspar

Wer war der Jesuit Friedrich Spee von Langenfeld?

Herbert Schmidt-Kaspar bringt in diesem Buch dem Leser das "Heilige Römische Reich Deutscher Nation" geradezu im Plauderton nahe. Er zeigt, dass man sich nie wirklich einig war, wann dieses Reich gegründet wurde, ob nun im Jahre 800 mit der Kaiserkrönung Karls des Großen oder erst im Jahre 911 mit der Wahl Heinrich I. Was spielte sich während dieser Zeit, wo dieses Reich bestand, innerhalb seiner expandierenden Grenzen ab? Wie sahen die politischen und soziologischen Strukturen aus? Wie konnte man Kaiser dieses Reiches werden? Weshalb nannte man es überhaupt das " Heilige Römische Reich..."?
Wie war es um die Rechtsverhältnisse in den Anfängen des Reiches bestellt? Gab es bereits ein Gewaltmonopol? Was verstand man unter einer Fehde? Wer durfte sich befehden? Was war ein Lehensmann? Welche Aufgaben hatte er zu erfüllen? Das sind die Fragen , die man zu Anfang des Buches beantwortet bekommt, um schließlich einzutauchen in eine längst vergangene Welt ungezählter Namen, Zahlen und Fakten.

Gefallen fand ich an Theophanu, der hochgebildeten Byzantinerin, die als Witwe Ottos II eine Zeitlang die Geschicke des Reiches lenkte. Über das Erziehungs- und Informationsmonopol der Kirche wird man aufgeklärt und über die Reformbestrebungen, die schließlich zum Investiturstreit führten. Was bedeutete der Gang nach Canossa für Heinrich IV, vor allem aber für das Reich? Welche Folgen ergaben sich aus dem Wormser Konkordat?

Während man über diese Dinge reflektiert, darf man sich des ersten Merseburger Zauberspruchs und des Wesobrunner Gebetes erfreuen, bevor man sich berühren lässt von Walthers Liebeslied "Unter den Linden". Weshalb war Barbarossa ein Vertreter der "Zwei-Schwerter-Theorie"? Wie wichtig war ihm die "Ritterliche Kultur"? Was suchten die Normannen in Haithabu und was auf Sizilien? Über Pilgerfahrten nach Santiago de Compostella und Jerusalem wird gesprochen und über die tatsächlichen Motive der so genannten Kreuzzüge. Wer waren die Templer, Johanniter und Deutschherren? In welcher Beziehung standen sie zu Saladin?

Wer war das Chint von Pülle? Kaiser Friedrich II. soll der erste moderne Mensch gewesen sein. Nach der Lektüre dieses Buches weiß man auch warum. Friedrich war ein Intellektueller, der aufgrund seines rationalen Denkens nur schwer von den Menschen seiner Zeit verstanden werden konnte. Interessant sind seine Experimente, die er vornahm, um zu praktischen Erkenntnissen zu gelangen. Über den Niedergang des Rittertums, über die Raubritter wird man aufgeklärt. Auszüge aus dem Originaltext des "Meier Helmbrecht" vedeutlichen, was damals stattfand.

Warum war die "Bannmeile" für das städtische Gewerbe so wichtig? Was verstand man unter einer Gilde? Welchen Status hatten Patrizier? Ein großes Thema sind Bürgerrechte im Mittelalter und während der Renaissance-Zeit, weil sie für die Entwicklung der Städte von großer Bedeutung waren. Über die Fugger und die Welser und ihre Verbindung zum Kaiser wird gesprochen. Auch die ersten Universitäten auf dem Boden des Reiches werden thematisiert. Womit beschäftigte man sich an den Universitäten in Prag, Krakau oder Wien? Waren es vorrangig Texte von Galen, Hippokrates und Avicenna oder der Codex Iustinianus, der junge Menschen bewegte die lateinische Sprache zu erlernen?

Erwähneswert ist die Schrift "Concordantia catholica" von Nikolaus von Cues. Für ihn war der Kaiser in der weltlichen, wie in der geistlichen Hierarchie gleichrangig. Welche Konsequenzen ergaben sich auch dieser Betrachtung? Welche Bedeutung hatte die Erfindung der Taschenuhr im Jahre 1502, nachdem bereits fünfzig Jahre zuvor Gutenberg den Druck mit beweglichen Lettern erfunden hatte?

Über das Reich Karls V erfährt man Essentielles und natürlich über Martin Luther, dessen Aufstieg nicht unwesentlich durch politische Eigeninteressen einzelner Landesfürsten bedingt war. Wie kam es zum Schmalkaldischen Bund? Warum wurde der Nürnberger Religionsfrieden tatsächlich geschlossen? Wiedertäufer und marodierende Bauerheere sowie deren Führer kommen zur Sprache, natürlich bleibt auch Thomas Müntzer nicht ungenannt.
Weshalb wurde der Augsburger Religionsfrieden geschlossen? Welche Funktion hatten die Jesuiten im Reich? Wer war der Jesuit Friedrich Spee von Langenfeld?

Ihm sollte man , wie ich finde ein Denkmal setzen, denn er hat die" Cautio Criminalis" verfasst und ungezählte Frauen vor dem drohenden Feuertod gerettet.

Der zweite Prager Fenstersturz und die Gründe, die zum 30 jährigen Krieg führten, werden beleuchtet, und der Krieg selbst wird in seinen furchtbaren Auswirkungen dargestellt. Das Sonett "Thränen des Vaterlandes" von Gryphius von 1636 zeichnet die Geschehnisse nach.
Wie der Westfälische Friede zustande kam und wie sich das Reich in der Folge gestaltete, schildert Schmidt-Kasper ausführlich. Noch im gleichen Jahrhundert stehen die Türken vor Wien, wenig später beginnt der spanische Erbfolgekrieg. Immer wieder kommt es zu militärischen Auseinandersetzungen. Man sieht den preußischen Militärstaat entstehen und liest von den Ausseinandersetzungen König Friedrich II. von Preußen mit Kaiserin Maria Theresia. Man beginnt zu ahnen, dass das Reich nicht mehr lange von Bestand sein wird. Es nimmt schließlich sein Ende im Jahre 1806, nachdem Bonaparte bei Austerlitz den Sieg davontrug. Da nämlich legte Kaiser Franz II die Krone nieder.

Geblieben sind die wunderschönen Texte der Minnesänger, geblieben auch die Erinnerung an die gebildete Kaiserin Theophanu und an den großen Stauferkaiser Friedrich II. Im Herzen bewahre ich jedoch Friedrich Spee. Vor ihm möchte ich mich verneigen.

Thränen des Vaterlandes / Anno 1636

Wir sind doch nuhmehr gantz/ ja mehr den gantz verheeret!
Der frechen völcker schaar/ die rasende posaun
Das vom blutt fette schwerdt/ die donnernde Carthaun
Hat aller schweis/ vnd fleis/ vnd vorraht auff gezehret.
Die türme stehn in glutt/ die Kirch ist vmgekehret.
Das Rahthauß ligt im graus/ die starcken sind zerhawn,
Die Jungfrawn sind geschändt/ und wo wir hin nur schawn,
Ist fewer/ pest/ und todt der hertz vnd geist durchfehret.
Hir durch die schantz vnd Stadt/ rint alzeit frisches blutt.
Dreymall sindt schon sechs jahr als unser ströme flutt,
Von leichen fast verstopfft/ sich langsam fort gedrungen,
Doch schweig ich noch von dem was ärger als der todt,
Was grimmer den die pest/ vnd glutt vnd hungers noth,
Das auch der selen schatz/ so vielen abgezwungen
( Gryphius)






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