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Rezension: Place de Bastille

Das Phänomen des Zufalls

Der holländische Jude Paul de Witt konnte seine Eltern nicht kennen lernen. Sein Vater und auch seine Mutter wurden nach Auschwitz deportiert und dort ermordet als er noch ein Kleinkind war. Paul wuchs daraufhin bei Adoptiveltern auf. Über seine Herkunft wurde in all den Jahren nicht gesprochen. Vielleicht ist das schwarze Loch, das sich hinsichtlich seiner Vergangenheit auftut, der Grund , dass er in der Folge Geschichte studiert hat. Nach dem Studium wollte er Privatdozent werden oder historische Bücher verfassen.
 
Dann allerdings wurde er auch Sicherheitserwägungen Geschichtslehrer, um auf diese Weise seine Frau und seine beiden Kinder regelmäßig versorgen zu können. Nach zehnjährigem, allmählich immer monotoner werdendem Ehealltag und einer ihm stets unerträglicher erscheinenden Schulsituation fühlt sich Paul ausgebrannt. In den Weihnachtsferien flieht er sozusagen nach Paris, unter dem Vorwand, sich dort mit einer anderen Flucht, die mehr als zweihundert Jahre zuvor stattfand, auseinander zu setzen. Er möchte überprüfen, ob das Scheitern der Flucht nach Varennes seitens des damaligen französischen Königs eine Zwangsläufigkeit darstellte oder aber, ob das Phänomen des Zufalls hierbei eine wesentliche Rolle gespielt hat.
 
 
Paul vermutet, dass es überhaupt keine Zwangsläufigkeit innerhalb historischer Abläufe gibt, d.h. kausale Zusammenhänge im Grunde nur ein Denkkonstrukt verkörpern. In Paris lernt Paul" zufällig " die französische Studentin Pauline kennen und beginnt eine Affaire mit ihr. Pauline ist Jüdin. Paul empfindet spontan zu diesem jüdischen Mädchen eine größere Nähe als zu seiner nicht-jüdischen Ehefrau, die er, trotz Pauline, aber immer noch liebt. Weil Paul entwurzelt ist, sucht er beinahe verzweifelt nach seiner wahren Identität, nach Seelenverwandschaften und nach seinem fiktiven Zwillingsbruder Philip, um dadurch vielleicht das ihn beklemmende schwarze Loch erhellen zu können.
 
 
Ob Paul dies gelingt und ob er Antworten auf die Zufälligkeiten historischer Dimensionen findet, erfährt der Leser im Laufe dieses hervorragenden Romans, der in vieler Hinsicht zum Nachdenken anregt. Dieser Text de Winters verfügt im Gegensatz zu seinen anderen Veröffentlichungen nicht über die gewohnte Schnelligkeit. Zögerlich, fortwährend reflektierend , geht der Autor mit dem Thema um. Dadurch allerdings gewinnt das Buch an besonderer Tiefe!





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