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Rezension: Schloss aus Glas

Was soll man von solchen Eltern halten?

Die amerikanische Journalistin Jeannette Walls berichtet von ihrer schockierenden Kindheit und Jugend. Diese verlebt sie im Kreise ihrer Geschwister unter erbärmlichen Bedingungen, die ihnen allen durch ihre selbstsüchtigen Eltern vorgegeben und zugemutet werden. Besagte Eltern, durchaus nicht ungebildet, aber krankhaft renitent, lehnen die bürgerliche Gesellschaft vehement ab.

Zwar stärken sie durch verbale Ermutigung das Selbstwertgefühl ihrer gebeutelten Kinder, gleichwohl gehen sie aber aufgrund ihrer Egoismen und Spleens geradezu unverantwortlich mit ihren Sprösslingen um. Jeannette und ihre Geschwister vagabundieren von einem Ort zum anderen, vegetieren in abbruchreifen Hütten oder gar auf der Straße, hungern, ernähren sich von bereits entsorgten Nahrungsmitteln aus der Mülltonne, ertragen Ungeziefer und Ratten, frieren, weil sie miserabel gekleidet sind und werden bei aller Unbill medizinisch auch noch unzureichend versorgt. Jeanettes Vater, ein genialer Tüftler, ist alkoholabhängig und geht selten einer geregelten Arbeit nach.

Stattdessen träumt er seine hochfliegenden Träume,- so etwa vom Bau eines Schlosses aus Glas - und verkommt durch den Alkohol immer mehr. Jeannettes Mutter, von gutbürgerlicher Herkunft, ist ausgebildete Lehrerin, mit Künstlerallüren. Ihre hervorstechenden Eigenschaften sich hochgradige Ichbezogenheit und Weltfremdheit. Gedanklich ist diese Frau eindeutig meschugge. Um zu überleben, bilden die Kinder schon früh eine Notgemeinschaft und schaffen es trotz unendlicher Widrigkeiten in geordnete Verhältnisse zu wechseln und sich dem Lotterleben ihrer Eltern tapfer zu entziehen.


Jeannette studiert. Ihr gelingt der Durchbruch als Journalistin in New York . Auch ihre Geschwister machen ihren Weg. Trotz der unsäglichen Zumutungen, wie auch Demütigungen seitens ihrer Eltern, die schließlich auf der Gosse landen, fühlt Jeannette sich ihnen auch als Erwachsene immer noch nah. Sie bricht die Beziehung zu beiden keineswegs ab und dies obgleich sie mittlerweile in Erfahrung gebracht hat, dass ihre Mutter ihr ganzes Leben hindurch die Mittel für ein materiell sorgenfreies Familienleben zur Verfügung gehabt hätte und einzig durch ideologisches Zugebrettertsein ihrem Nachwuchs die furchtbare Existenz im Müll zugemutet hat. Jeannette zeigt beneidenswerte Größe und Toleranz, wenn es um das Wollen und die abstrusen Vorstellungen ihrer Eltern geht.

Ein bewegender Text, der mich fortwährend empört und traurig gemacht hat. Wie weit können Menschen in ihrer Selbstsucht gehen? Offensichtlich gibt es auf der Straße der Egotripper keine natürlichen Grenzen. Bei diesem Buch fehlen mir im Grunde die Worte!


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