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Rezension:Keiner war dabei: Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht

Das Böse ist die Abwesenheit von Mitgefühl.

Slavenka Drakulic forscht in diesem Buch nach den Ursachen der Kriegsverbrechen auf dem Balkan in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Aus diesem Grund auch hat die kroatische Schriftstellerin als Beobachterin am Kriegsverbrechertribunal in Den Haag teilgenommen. Wie konnte es dazu kommen, dass vormals friedlich zusammenlebende Serben, Kroaten und Bosnier zu Todfeinden wurden? Genügte die Idee der Nationalstaatlichkeit als Auslöser für so genannte "ethnische Säuberungen" ?

Waren es Mythen und Vorurteile den anderen gegenüber, die den Motivationsschub hin zum Bösen ausmachten oder gab es pathologische Vorbedingungen in der Persönlichkeit der Täter, durch die Misshandlungen, Vergewaltigungen und grausame Tötungshandlungen erst möglich gemacht wurden? Drakulic analysiert das Persönlichkeitsprofil der Führer, wie etwa Milosevic, Karadzic und Mladic, als auch das von deren Helfern und Helfershelfern. Die Autorin fragt was in einem Menschen vorgehen muss, damit er so kaltblütig ein anderes Wesen töten kann? Sie diagnostiziert das totale Zurückweisen von Verantwortung, asoziale, autistische Persönlichkeitsstrukturen, Narzissmus, Unreife und Gier nach Anerkennung, die Macht über Leben und Tod, die Freude am Töten, je größer die Angst des Opfers ist und damit die völlige Abwesenheit von Mitgefühl seinem Nächsten gegenüber.


Das Kultivieren von Empathie geschieht, wie die Autorin schreibt, nur in Gesellschaften, in welchen der Individualismus einen Wert darstellt. Sozialistische, wie auch nationalistische Gesellschaften sind Kollektivgesellschaften ohne persönliche Verantwortung. Gnadenlose Parteibürokraten und Opportunisten schaffen eine Wirklichkeit, in der es einzig um Machterhalt, Machtausweitung und Machtdemonstration geht. Moralische Schranken spielen keine Rolle. Das Blutbad in Sebrenica und die Massaker der Nazis an den Juden haben den gleichen Ursprung: Opportunismus - Wegsehen, Schweigen, Feigheit-, Machtexzesse sowie Mangel an Zivilcourage. Wirksamer Garant für ein friedliches Zusammenleben der Menschen auf dem Balkan und anderswo sind die liberalen Grundwerte, die auf humanistischem Gedankengut beruhen. Um die fortdauernde, individuelle Kultivierung genau diesen Gedankengutes geht es, wenn man zukünftig mit solchen Grausamkeiten nicht mehr konfrontiert werden möchte.

Ein hervorragendes Buch, einer bemerkenswerten Autorin.






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