Rezension: Femme fatale: Faszinierende Frauen von Joachim Nagel

Der Autor dieses faszinierenden Buches ist der Münchener Literaturwissenschaftler und Kulturhistoriker Joachim Nagel. Er spürt darin dem Faszinosum der so genannten "Femme fatale" nach. Noch vor der Einleitung kann man das Konterfei der Comtesse Virginia de Castiglione (1855-1899) bewundern. Bevor ich mich dem Inhalt des Buches zuwende, möchte ich ein paar Worte über diese Frau verlieren, weil der Autor sie nur durch ihre Schönheit wirken lässt. Die Gräfin soll sich eines Tages voller Hochmut mit anderen Damen des Hofes des Tuileries verglichen haben: "Ich stelle mich ihnen gleich dank meiner Herkunft, ich übertreffe sie durch meine Schönheit, ich beurteile sie nach meinem Verstand." Sobald sie irgendwo erschien, stieg man auf die Bänke, um sie besser zu sehen, so groß war ihre Schönheit. Leider besaß sie nicht die Intelligenz, die sie sich anmaßte. Sie war von guter Herkunft, aber schlecht erzogen und verdorben durch ihren Stolz, den sie aus ihrer Macht zur Verführung schöpfte. Ihre Neigung zur Intrige hielt sie für politisches Genie, und sie wäre bloß eine hochfliegende Kurtisane gewesen, wenn ihr kurzes Liebesverhältnis mit Napoleon dem III. ihr nicht einen Platz - gewissermaßen ein Bett - in der Geschichte gegeben hätte. Nachdem sie durch ihre Unverschämtheit, ihre Auffälligkeiten und ihre Toiletten in Paris viel Aufsehen erregt hatte, indem sie sich in erstaunlich lebenden Bildern zur Schau stellte, lebte sie die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens sehr zurückgezogen. Sie verhüllte sogar die Spiegel in ihrer Wohnung, um nicht an ihrer Schönheit, den einzigen Wert, den Virginia jemals respektierte- die Spuren der Zeit wahrzunehmen. Eine im Grunde sehr bedauerndwerte Frau.

Was versteht man unter eine "Femme fatale"? Wodurch zeichnet sich eine verhängnisvolle Frau aus? Offenbar präsentieren sich die äußeren Merkmale einer solchen Frau vom sinnlich Üppigen, über das Athletische bis hin zum Ätherischen. Sieht man von einigen blonden Kinodiven ab, herrscht beim Typ der "Femme fatale" dunkles und rotes Haar vor. Diese Frau setzt ihre Schönheit angeblich als Waffe im Kampf der Geschlechter ein. Durch ihre unwiderstehliche Verführungsmacht oder ihre gnadenlose Unnahbarkeit wird sie Männern zum Verhängnis. Sie soll einen erklärten Vernichtungswillen besitzen und zudem über Eigenschaften wie etwa Gefühlskälte und sexuelle Gefräßigkeit verfügen. Männern flößt eine solche Frau natürlich Angst ein. Ist eine derartiges Wesen eventuell eine Kopfgeburt von Männern?

Der Autor stellt Frauen diesen Typs aus allen Jahrhunderten vor, erzählt deren jeweilige Geschichte und wartet mit einer Fülle von Gemäldedarstellungen und Fotos von bedrohlichen Damen auf, die möglicherweise dem Mythos des Weiblichen am Nächsten kommen. Nagels Betrachtungen werden übrigens nicht nur mit bildlichen Darstellungen, sondern auch mit Gedichten bereichert. Hier bleibt die Loreley natürlich nicht ausgespart. Lilith, Delilah, Judith und Salomé kommen zur Sprache, die von Stuck wohl am besten dargestellt worden ist. Auf der Bühne feierte Oscar Wilde mit seiner "Salome" große Erfolge. Nagel stellt des Weiteren eine Reihe mythischer Frauengestalten vor, auf die die Bezeichnung "Femme fatale" zutreffen könnte. Die Geschichten von Helena, Circe, den Sirenen und der Medusa sind sehr spannend zu lesen, auch die Sphinx wird thematisiert. Franz Stucks Gemäldedarstellungen der Salomé und der Circe bestechen durch ihre Ironie. Er macht sich in seinen diesbezüglichen Werken über den klassischen Femme-fatale-Mythos lustig. Zu Recht wie ich finde.

Es folgt eine Skizzierung des Lebens von Cleopatra, bevor Nagel sich mit dem Hexenwahn auseinandersetzt, einer besonders angstbesetzten Männerfantasie, die in der Vorstellung gipfelte, dass Hexen sich voller Lust mit dem Teufel sexuell vereinigen würden und dafür natürlich bei lebendigem Leib geröstet werden mussten. Venus und Tannhäuser werden nicht vergessen, auch Lucrezia Borgia nicht. Carmen, diverse Totenbräute aus der Literatur, Wasserweibchen, englische Musen, Pariser Blumenmädchen, die Diven der Belle Époque und des Fin-de Siécle, Lulus und Lolitas, Vamps und Diven von der Leinwand, aber auch surreale Musen werden fokussiert und haben mich in ihrer textlichen und bildlichen Darstellung sehr amüsiert.

Nur wenige Männer können wirklich mit schönen, intelligenten und zeitgleich sexuell freien, unabhängigen Frauen entspannt umgehen. Unverkennbar befürchten viele Männer Machtverlust durch solche Frauen und lassen kein gutes Haar an ihnen. Schade eigentlich.
Die bildlichen Darstellungen sind beeindruckend und sehr gut erklärt. Klimts und Franz von Stucks Bilder gefallen mir am besten. Wundervoll ist Stucks Darstellung der "Sünde": in Männeraugen Verlockung pur, aber zeitgleich beängstigend wegen der dämonischen, gefährlichen Aura als magische Zutat fleischlicher Sünde.
Sehr schöne, intelligente Frauen sind in der Regel selten männermordend. Bislang hat sich dies noch nicht herumgesprochen, deshalb auch herrscht noch immer der Mythos der "Femme fatale" vor. Böse ist zumeist einzig der Blick auf besonders reizvolle Frauen. Schön, dass Joachim Nagel wohlwollend urteilt. Das spricht dafür, dass er ein kluger, selbstbewusster Mann ist, dessen gelungenes Buch ich an dieser Stelle gerne weiterempfehle.






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