.

.

Rezension:Stefan Zweig. Gesammelte Werke in Einzelbänden: Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt

Die Nachwelt wird es nicht fassen können, dass wir abermals in solchen dichten Finsternissen leben mussten,
nachdem es schon einmal Licht geworden war."  Zitat: Sebastian Castillio


Dieses Buch von Stefan Zweig las ich 1997 zum ersten Mal. Auf die letzte Seite notierte ich: " Eines der besten Bücher, die ich bislang gelesen habe." Jetzt nach zwölf Jahren habe den Text erneut zur Hand genommen und abermals aufmerksam studiert. Mein Urteil hat sich nicht geändert, noch immer betrachte ich " Castellio gegen Calvin" als eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe.


Grund: Stefan Zweigs Werk ist für mich die überzeugendste Schrift gegen Intoleranz und Terror, eine Schrift, die verdeutlicht, dass es in allen Jahrhunderten Menschen mit Zivilcourage gab, die sich gegen Despoten und deren Terrorherrschaften zur Wehr setzten, wissend, dass diese stets nur verbrannte Erde zurücklassen.

Worum geht es?

Der französisch- schweizer Reformator Johannes Calvin (1509-1564), nach dessen Lehre Menschen an ihrer Fähigkeit zur strengsten Pflichterfüllung erkennen könnten, ob sie zu Heil bestimmt seien (Prädestinationslehre)ist der geistige Vater jenes Arbeitsethos, der die Grundlage für das Gewinnstreben im Kapitalismus bildet.

Calvin war davon überzeugt, dass man die Menschen nur fördere, wenn man ihnen rücksichtslos jede individuelle Freiheit nimmt. Zweig zeigt an seinem Beispiel, dass Diktaturen mit Ideen beginnen, gleichwohl jede Idee erst Form und Farbe an dem Menschen gewinnt, der sie verwirklicht.

Wie sah dieser Mensch aus, der in Genf sein Unwesen trieb? Alles an ihm war hart, eckig, schreibt Zweig. Sein Gesicht war lichtlos, freudlos und lässt auf einen abweisenden, einsamen Menschen schließen. " Alles, was das Leben sonst fruchtbar, füllig, freudig, blühend, warm und sinnlich macht, fehlt diesem gütelosen, diesem trostlosen, diesem alterslosen Antlitz. " Völlige Unsinnlichkeit soll neben seiner ewigen Unjugend der charakteristische Wesenszug Calvins gewesen sein. Zweig sieht in ihm zu Recht einen fanatischen Intellektuellen, der sich nur im Wort und im Geist auslebt, für den nur das Logisch-Klare das Wahre ist und der nur das Ordentliche begreift, niemals das Außerordentliche duldet.Um seine kranken religiösen Vorstellungen umzusetzen, terrorisiert der Geistliche die Bürger von Genf mit Erfolg.


Alles, was das Leben freudig und lebenswert macht, wird von Calvin verboten. " Verboten sind Theater, Belustigungen, Volksfeste, Tanz und Spiel in jeder Form, sogar unschuldiger Sport, wie der Eiskunstlauf erweckt Calvins gallige Missgunst. " Der Schmallippige verbietet jede andere als die nüchternste und fast mönchische Tracht, verbietet den Schneidern ohne Erlaubnis des Magistrates neuartige Schnitte anzufertigen, verbietet Kleider mit Gold und Silberstickerei und jede Verwendung von Gold und Geschmeide.Den Männern ist es verboten ihr Haar lang zu tragen, den Frauen das Aufkämmen und Kräuseln der Frisur. Verboten sind Familien-Feierlichen von mehr als 20 Personen, verboten ist es Wildbret, Geflügel und Pasteten zu speisen, verboten ist es Einheimischen ein Wirthaus zu betreten. Hauptverbrechen aller " Verbrechen " ist jede Kritik an Calvins Diktatur, die in vielem an die savonarolische Diktatur in Florenz erinnert.

Zweig stellt die rhetorische Frage, wie ein einziger intellektueller Asket die Daseinsfreude von Tausenden und Abertausenden vergewaltigen konnte, wie eine republikanische Stadt, die jahrzehntelang in helevetischer Freiheit lebte, sich diesem Diktator unterwarf?

Das Mittel , um seine Diktatur zu manifestieren war- wie in allen Diktaturen - Terror. Der Schriftsteller verdeutlicht diesbezüglich, dass Gewalt, die vor nichts zurückschreckt und jede Humanität als Schwäche verspottet, eine ungeheure Kraft ist. Ein systematisch ersonnener Terror lähmt den Willen des einzelnen, er löst und untergräbt jede Gemeinschaft. " Wie eine zehrende Krankheit frisst er sich in die Seelen ein,"...." bald wird die allgemeine Feigheit ihm Helfer und Hehler, denn weil jeder sich verdächtigt fühlt, verdächtigt er den anderen und aus Angst laufen die Ängstlichen den Befehlen und Verboten des Tyrannen sogar eilfertig voraus.

Calvin lässt foltern, ist mitleidlos, fällt Bluturteile, sein Terror ist schauervoller als alle Blutorgien der Französischen Revolution.Zweig stellt im Buch die Kaltblütigkeit Calvins an der Folterung und Hinrichtung des spanischen Arztes , Gelehrten, Humanisten, Theologen und Freidenkers Michael Servetus ( 1511-1553) dar, der von dem Diktator der Häresie bezichtigt wurde und aufgrund dessen auf dem Scheiterhaufen endete. Man liest ausführlich von der Anklage und von dem Prozess.

Verdeutlicht wird, dass der geübte Logiker und gelernte Jurist Calvin einen Angriff zu führen versteht und durch seinen kalten, strengen Habitus mit vorgetäuschter Objektivität die einzelnen Fragen stellend, den Angeklagten aus der Reserve lockt und ihn versucht vorzuführen.Calvin gelingt es den Richtern glaubhaft darzustellen, dass Servetus ein gefährlicher Aufrührer und heilloser Ketzer ist.Calvin, so Zweig, hasst jeden, der anderes zu lehren wagt als er selbst. Es ist diesem tyrannischen Geistlichen zuzuschreiben, dass Servet am Brandpfahl durch langsames Rösten bei kleinem Feuer einen qualvollen Tod erleidet. Feige, wie alle Despoten, verschanzt sich Calvin in der Stunde der Hinrichtung des Humanisten in seiner Studierstube.

Der Humanist Sebastiano Castellio (1505-1563) hat sich in mehreren Schriften gegen Rechtfertigung der Hinrichtung des Humanisten Michael Servetus durch Calvin gewandt und wurde von dem Despoten daraufhin verfolgt. Calvin nannte den Humanisten ein " Werkzeug des Teufels ".

Zweig skizziert den mitmenschlichen Charakter Castellios und stellt dessen humanistisches Denken der miesen Rechthaberei, und den kaltblütigen Machenschaften Calvins gegenüber.Ihm gelingt es nicht Castillio ein ähnliches Schicksal zu bereiten wie Servetus, denn Castillio stirbt bevor dieser Erbfeind der geistigen Gerechtigkeit mit seinem engstirnigen Fanatismus zuschlagen kann.

Stefan Zweig konstatiert , dass die Terrorherrschaft und die Verdammung als Schönen , letztlich aller kreativen Kräfte dazu führte, dass noch zweihundert Jahre nach Calvin kein einziger Maler, Musiker, kein Künstler von Weltruf mehr in Genf lebte. Das Außerordentliche wurde dem ordentlichen geopfert, die schöpferische Freiheit der widerspruchlosen Servilität.


Doch dann endlich wird wieder ein Künstler in dieser Stadt geboren, dessen ganzes Leben " eine einzige Revolte " gegen " die Vergewaltigung der Persönlichkeit " sein wird. In dem unabhängigsten Bürger der Stadt - Jean Jacques Rousseau- konnte sich Genf endlich völlig von Calvin befreien.


Dieses Buch macht deutlich, dass man sich zu allen Zeiten und überall gegen Despoten zur Wehr setzen muss, denn lässt man sie gewähren, bleibt nichts als verbrannte Erde.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen