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Rezension: In seiner frühen Kindheit ein Garten

Machtmissbrauch und staatliche Willkürmaßnahmen

Schuldlos hatte man den so genannten Staatsfeind Oliver Zurek ein halbes Jahr inhaftiert. Daraufhin tauchte er in den Untergrund ab und bewegte sich dann primär in terroristischen Kreisen. In einer kleinen Stadt in Mecklenburg kam der junge Mann schließlich ums Leben und zwar im Zuge einer Verfolgungsjagd durch Beamte des Bundesgrenzschutzes. Später unterstellte man, Zurek habe während dieser Verfolgung einen Polizisten erschossen und daraufhin Suizid begangen. Der Tathergang allerdings wurde von Augenzeugen völlig anders dargestellt. Sie erklärten, der besagte Polizist sei im Tumult durch einen Kollegen versehentlich erschossen worden und anschließend habe man den flüchtigen Terroristen kaltblütig exekutiert. Videoaufnahmen und Spuren, die die Version der Zeugen hätten dokumentieren können, wurden offenbar kurzerhand vernichtet und die Zeugen selbst als unglaubwürdig gebrandmarkt.

Olivers Vater, ein pensionierter Schuldirektor möchte, dass seinem Sohn Gerechtigkeit widerfährt. Der bis dahin obrigkeitsgläubige Altphilologe rückt im Zuge des Ermittlungsverfahrens immer mehr vom Glaube an die Rechtschaffenheit der Vertreter dieses Staates ab . Immer skeptischer wird er, als aufgrund des Drucks der Presse, der Innenminister zurücktritt und der Generalbundesanwalt in den Ruhestand entlassen wird. Jetzt erkennt er , dass " Staatsschutz, Polizei, Bundeskriminalamt, Landesregierung, Generalstaatsanwaltschaft und Innenministerium " es augenscheinlich mit der Demokratie nicht ernst meinen, ihre ihnen vom Volk verliehene Macht missbrauchen und bedenkenlos zu staatlichen Willkürmaßnahmen greifen, wenn es den Eigeninteressen zuträglich erscheint.


Dr. Zurek resümiert:" Ich habe jahrzehntelang in einem Land gelebt, von dem ich offenbar nie etwas begriffen habe. Ich habe ein Leben lang meinen Schülern Dinge beigebracht, die völlig unsinnig sind. Die sie in unserem Land überhaupt nicht gebrauchen können. Ich habe sie für ein Leben in einer Gesellschaft vorbereitet, die lediglich in meinem Kopf existierte. Ich habe nichts verstanden. Ich bin ein Idiot." Und weiter: "... und alles, was von dem Gedanken eines Gemeinwesens und eines Beamten übriggeblieben ist, von der Idee des Staates, das ist der Übermut der Ämter." Als Zurek erkennt, dass die staatliche Seite ihr Monopol auf Gewalt und Rechtsprechung gegen seinen Wunsch nach Aufklärung einsetzt, begreift er, dass er seinen Sohn nicht rehabilitieren kann und widerruft seinen Amtseid, weil dieser Staat die Gesetze nicht einhält. Die Wahrheitsliebe und das ausgeprägte Rechtsgefühl , das Vater und Sohn verbindet, haben beide zur Abkehr von diesem Staat veranlasst, wenn auch mit unterschiedlichen Konsequenzen.


Christoph Hein macht in seinem Roman deutlich, dass die bürgerliche Herkunftfamilie Olivers, mit ihrer spießigen Enge, und ihrem allgemeinen Biedersinn, ausgelöst insbesondere durch seine Mutter, in Verbindung mit den humanistischen Bildungsidealen seines Vaters eine explosive Mixtur für seinen persönlichen Werdegang verkörpert hat. Der alte Zurek erkennt die Handlungsmotive seines Sohnes ganz allmählich, auch wenn er die Handlungen selbst nicht tolerieren kann. Wenn zwischen Idealen und der Wirklichkeit die Kluft zu groß ist, dann wird man den Garten der frühen Kindheit wohl nicht mehr finden können.

Diesen Roman sollte man nicht vorrangig als Aufarbeitung der realen Geschehnisse von Bad Kleinen begreifen, sondern wohl eher als eine Parabel für alle Staatsdiener für die Ideale der Demokratie glaubhaft einzutreten und zukünftig die Folgen von Machtmissbrauch und staatlichen Willkürmaßnahmen ganz genau zu überdenken, weil es ohne ethisches Grundverhalten keine zivilisierte Gesellschaft geben kann. Dies wird leider all zu oft vergessen.

Ein beeindruckender Roman





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