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Rezension: Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen: Über den Prozeß der Zivilisation- Norbert Elias

"Menschen sind nicht in der Lage, den Tod abzuschaffen. Aber sie sind ganz gewiß in der Lage das gegenseitige Töten abzuschaffen." ( Zitat: Norbert Elias)

Diese beiden Bände habe ich vor längerer Zeit bereits gelesen und mich die letzten Tage zwecks Anfertigens der Rezension in meine alten Exzerpte vertieft.

Verfasser des Klassikers ist der Soziologe Norbert Elias ( 1897-1990).

Das Anliegen in seinem hier vorliegenden Hauptwerk besteht darin den Zusammenhang von Sozio- und Psychogenese aufzuzeigen.

Er dokumentiert anhand der Tischsitten und des Sexuallebens der europäischen Oberschichten, wie an den Fürstenhöfen Europas eine neue Verhaltenskultur entstand, welche aufgrund größerer Selbstbeherrschung, Höflichkeit, Rücksichtsnahme, Intriganz, Liebenswürdigkeit, Berechung und Schauspielerei, aber auch durch stärkere Trennung von Innen und Außen geprägt war.

Besonders bemerkenswert sind seine literarischen Beispiele für das Verhältnis der deutschen, mittelständischen Intelligenz zu den höfischen Menschen und die Betrachtungen des Autors zur Verhaltensänderung in der Renaissance. Elias fragt u.a. ob die Peinlichkeitsschwelle und Schamgrenze in der Zeit des Erasmus vorrücken und dessen Schrift Anzeichen dafür enthält, dass die Empfindlichkeit der Menschen und die Zurückhaltung, die man voneinander erwartet, größer wird?

Im Laufe des 16. Jahrhunderts trat der Begriff "courtoisie" in der Oberschicht allmählich zurück. Nun wurde der Begriff "civilité" immer häufiger und gewann im 17. Jahrhundert, zumindest in Frankreich, die Oberhand. Was das im Einzelnen bedeutet hat, kann man bei Elias ausführlich nachlesen.

Der Soziologe hält fest, dass Sprache eine Verkörperung des Gesellschaft-oder Seelenlebens sei. Interessanterweise unterscheidet sich die Art, in der Menschen begründen, weshalb dieses Benehmen oder dieser Gebrauch bei Tisch besser ist als jener kaum von der Art, in der begründet wird , weshalb dieser sprachliche Ausdruck besser ist als jener.

Lesenswert auch sind die Seiten über die Entwicklung des Gebrauchs von Messer und Gabel, das Verhalten im Schlafraum und schließlich die Wandlungen in der Einstellung der Beziehung von Mann und Frau.

So gewinnt die Ehe in der absolutistisch-höfischen Gesellschaft des 17. und 18. Jahrhunderts einen besonderen Charakter dadurch, dass hier der Aufbau der Gesellschaft zum erstenmal durch die Herrschaft des Mannes über die Frau ziemlich vollständig gebrochen ist. Elias betont, dass die soziale Stärke der Frau annähernd gleich groß war, wie die des Mannes und nun die gesellschaftliche Meinung in sehr hohem Maße von der Frau mitbestimmt wurde.

Im zweiten Band geht es Elias darum Wandlungen der Gesellschaft aufzuzeigen, um in der Folge zu eine Theorie der Zivilisation zu entwickeln. Dargestellt werden die Mechanismen der Feudalisierung, auch wird detailliert auf die Soziogenese des Staates eingegangen.

Dann folgt der Entwurf einer Theorie der Zivilisation.

Der individuelle Zivilisationsprozess vollzieht sich, wie der gesellschaftliche, bis heute noch immer zum größten Teil blind.

" Unter der Decke dessen, was die Erwachsenen denken und planen, hat die Art der Beziehung, die sich zwischen ihnen und dem Heranwachsenden herstellt, Funktionen und Wirkungen in dessen Seelenhaushalt, die sie nicht beabsichtigt haben und von denen sie kaum etwas wissen."

Das macht den gesellschaftlichen Modilierungsprozess im Sinne der abendländischen Zivilisation nicht einfacher. Was diesen Prozess zu einer besonderen, einzigartigen Erscheinung werden lässt, ist wohl die Tatsache, dass sich hier eine Funktionsteilung so hohen Ausmaßes, Gewalt- und Steuermonopole von solcher Stabilität, Interpendenzen und Konkurrenzen über so weite Räume und so große Menschenmassen hin hergestellt haben, wie noch nie in der Erdgeschichte.

Bei allem hält Elias zu Ende seiner Betrachtungen fest: " Die Zivilisation ist noch nicht abgeschlossen. Sie ist erst im Werden."

Genau dies wird dem Leser bewusst, wenn er die beiden Bücher gelesen hat und mit wachen Augen zur Kennnis nimmt, was um ihn herum geschieht.

Ein Lesemuss.






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